Leserbrief : Bei Klerikern darf es keine Ausnahme geben

Missbrauchsskandal

 Zu den Artikeln „Benedikts Waterloo“, „Der Platz von Reinhard Marx bleibt leer (beide TV vom 21. Januar) und „Kardinal Marx wackelt, aber weicht nicht“ (TV, 28. Januar):

Zu der Ratzinger-Blamage habe ich viel gelesen, was mich beschäftigt.  Von den Bischöfen hört man das übliche „Wir sind bewegt, erschüttert und beschämt ...“. Diesen bischöflichen Rosenkranz hört die katholische „Schafherde“ schon seit mehr als zehn Jahren von ihren Hirten, sodass selbst der konservativste Fundamentalkatholik das langsam nicht mehr hören will. Es gibt auch Stimmen, die meinen, man müsse es der Amtskirche zugute halten, dass sie solche Gutachten auf den Weg gebracht hat, was ja einen „Aufklärungswillen“ bezeuge. Ich sehe das nicht so. Auch das Münchner Gutachten offenbart nur das, wo die Kirche sich hat in die Karten blicken lassen.

Bis heute halten die Bischöfe und nicht die Staatsanwälte das Heft des Handelns in der Hand. Sie bezahlen die Gutachten, sie benennen die Betroffenenbeiräte, sie bestimmen, welche Akten zur Verfügung gestellt werden und welche in den Geheimarchiven versteckt bleiben. Sie entscheiden sogar über die Konsequenzen für die Täter.

Der Vatikan fordert, sich bei der Bewertung des neuen Gutachtens zu Hunderten vertuschten Straftaten im Erzbistum München und Freising nicht nur auf den emeritierten Papst Benedikt zu fokussieren. Richtig: Wie kann es zum Beispiel sein, dass man Kindesmissbrauch in der Kirche und in den Medien in der Regel auf das Thema sexualisierte Gewalt an Kindern reduziert und mit Recht auch strafrechtliche Konsequenzen fordert?

Sexuelle Gewalt an Kindern muss auf das Schärfste verfolgt werden: Das Strafgesetz fordert dafür eine Höchststrafe von fünf Jahren. Deutlich schärfer reagiert es aber auf die bislang ignorierte Misshandlung von Schutzbefohlenen: Höchststrafe zehn Jahre. Bei diesem Thema haben sich Kleriker und Kirche in noch viel größerem Umfang an Kindern versündigt, aber man thematisiert das nicht. Niemand will da offenbar ran, schon gar nicht unsere staatlichen Ermittlungsorgane. Verbrechen an Kindern sollten wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit bewertet werden und keine Verjährungsfristen haben. Es dauert Jahrzehnte, bis die als Kinder traumatisierten Opfer über ihre Erfahrungen reden können, wenn überhaupt. Das Recht schützt damit die Täter.

Daraus erklärt sich auch das kirchliche Handlungsprinzip: erst verjähren, dann aufklären. Verbrechen an Kindern waren und sind schon immer Offizialdelikte. Da muss die Staatsanwaltschaft schon bei Verdacht ermitteln und darf nicht weggucken. Bei Klerikern darf es keine Ausnahme geben.