Leserbriefe : Plastinate gehören nicht in die Öffentlichkeit

Körperwelten-Ausstellung

Zum Leserbrief „Darstellung des größten Kunstwerkes, das je geschaffen wurde“ (TV vom 26. März) sowie den Artikeln „Wir haben keinen Körper – wir sind ein Körper“ (TV vom 26. März) und „Außergewöhnlicher Blickfang“ (TV vom 24. März):

Als ich den oben genannten Leserbrief las, war ich doch sehr geschockt! Es erschließt sich mir nicht, was Herr von Hagens uns mit diesen Körperwelten sagen will. Es gibt doch reichlich viele Beiträge zu diesem Thema. Ich denke da an die vielen medizinische Beiträge der Krankenhäuser und Universitäten; denn wenn man sich informieren will, reichen diese völlig aus, ohne diese aufreißerischen Darstellungen von Hagens‘. Die übertriebene Darstellung eines plastinierten Körpers, der einen Handstand ausführt, ist sehr suspekt. Und dann dieser große plastinierte Kameramann – das ist der Gipfel an Geschmacklosigkeit! Diesen hat man auf dem Vorplatz der antiken Porta Nigra aufgestellt. Wenn die Porta Nigra ein Lebewesen wäre, so würde sie beim Anblick schamrot werden.

Wenn überhaupt, gehören diese Plastinate in ein Museum für Anatomie, aber nicht in die Öffentlichkeit. Herr von Hagens sollte möglichst schnell seine Plastinate einsammeln. Er würde der Öffentlichkeit aus meiner Sicht einen großen Gefallen damit tun. Die christlichen Kirchen sagen über die Toten bei der Beerdigung den Spruch: „Herr gib ihnen die ewige Ruhe.“ Bei Herrn von Hagens ist davon keine Rede!

Übrigens: Wie passen diese besagten Darstellungen zum unsäglichen Leid, das die Menschen durch den Krieg in der Ukraine erleben? Für mich fehlt hier das notwendige Taktgefühl!

Der Mensch als Krone der Schöpfung hat es nicht verdient, auf solch schändliche Weise durch die Plastinate verletzt zu werden. Nicht umsonst ist die Würde des Menschen in Artikel 1, Absatz 1, des deutschen Grundgesetzes festgeschrieben, dort heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ich ergänze: „...auch über den Tod hinaus“.

Eigentlich möchte man das Thema Körperwelten nicht noch einmal neu aufrollen. Die Diskussion über die Verdinglichung und Kommerzialisierung von Menschen und die Frage, was Kunst ist, was Wissenschaft und was bloß Voyeurismus, all das ist alt. Im Endeffekt muss und kann jede*r Einzelne anhand eigener Moralvorstellungen entscheiden, ob er oder sie Gunther von Hagens‘ Ausstellung besuchen möchte oder nicht.

Aber was ist das? Seit Kurzem können wir nicht mehr entscheiden. Man drängt den Menschen in Trier die Ausstellung durch ein sogenanntes „Plastinat“ auf, welches unübersehbar vor der Porta Nigra in Szene gesetzt wird.

Der Porta-Nigra-Vorplatz. Der Ort, an dem man mit seinen Kindern ein Eis isst. Der Ort, an dem sich Menschen friedlich versammeln, um ihre Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung zu zeigen. Der Ort, an dem immer noch eine Flagge auf Halbmast weht, im Gedenken an die Ermordeten der Amokfahrt.

Es ist nicht lange her, dass ich dort ein Kind seine Mutter fragen hörte „Mama, was ist das?“ Nun, es waren Kerzen und Blumen für die Toten. Ich weiß nicht, wie man seinem Kind diese Amokfahrt erklärt. Was ich weiß, ist: Die Frage „Mama, was ist das?“ wird in den nächsten Tagen zurückkehren und nun darf Mama erklären, warum man an der Porta Nigra eine Leiche ausstellt. Und warum wir das okay finden sollen.

Ich sage nicht, dass man diese Aktion sang- und klanglos hätte verbieten sollen. Im Gegenteil. Aber wo war die gesellschaftliche Debatte darüber? Wir haben monatelang über ein Abbild von Marx diskutiert, aber ein echter Mensch, den man hinstellt wie eine Figur, wie ein Kunstobjekt, ein Ding, das ist nicht der Rede wert?