Leserbrief : Wer ist moralisch erbärmlich?

Ukraine-Krieg

Zum Leitartikel „Ein Dokument moralischer Erbärmlichkeit“ (TV, 2. Mai):

Vor nur wenigen Monaten hatte Olaf Scholz als neuer Bundeskanzler den Amtseid auf die deutsche Verfassung geleistet. Dabei hatte er unter anderem geschworen, dass er all seine „Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden (…)  werde“.

Erinnert sich der Herr Bundeskanzler daran? So lange ist es ja noch nicht her. Inwiefern aber wendet er Schaden vom deutschen Volke ab, wenn er schwere Waffen in die Ukraine schickt? Wo liegt der Nutzen für die Bürger dieses Landes, wenn sie der Gefahr eines Atomschlages ausgesetzt werden? Worin besteht für die einfachen Menschen der Vorteil von Sanktionen, die zwar gegen Russland gerichtet sind, in Deutschland aber die Unternehmen und Arbeitsplätze bedrohen und die Preise in unbekannte Höhen treiben?

Die Butter ist kaum noch unter drei Euro zu haben. Für die Ärmsten in unserer Gesellschaft, die Rentner und Hartz-4-Empfänger, werden die Lebensmittel bei den Tafeln knapp, und die Heizkosten explodieren.

Für die Rüstung waren im Handumdrehen 100 Milliarden vorhanden. Für die mickrigen Zuschüsse zu den Heizkosten wurde wochenlang gefeilscht, und sie kommen nicht einmal jenen zugute, die sie am dringendsten brauchen.

Ob auch die Volksvertreter im Mantel im Bundestag sitzen und zu Hause kalt duschen werden, wie sie es denen empfehlen, von denen sie gewählt wurden? Ist nicht eher solche Heuchelei moralisch erbärmlich statt des Appells an die Vernunft auch in Zeiten des Krieges oder besser: besonders in Zeiten des Krieges?