Leserbrief : Missbrauchsskandal: Umgang der Medien mit den Kirchen ist überzogen

Missbrauchsskandal

Zum Bericht „Wusste Triers ­Ex-Bischof Spital vom Missbrauch?“ (TV vom 14. Juni):

Am 14. Juni wurde an exponierter Stelle auf der Titelseite des TV der vor 15 Jahren verstorbene Trierer Exbischof Spital mit der Missbrauchsproblematik in Münster in Verbindung gebracht. Ich musste sofort an den Papst Formosus denken, dessen Skelett man im Jahre 897 aus dem Grab holte, es auf den Papstthron setze und darüber richtete. Kürzlich begegnete ich einem Priester in Trier und mir schoss unwillkürlich die Frage durch den Kopf, wie viele Messdiener der wohl schon missbraucht hat.

Der Umgang der Medien mit den Kirchen in Bezug auf den Missbrauchsskandal ist meiner Meinung nach überzogen und erzeugt schlimme Vorverurteilungen; ich mahne daher mehr Sachlichkeit an. Zuständig für derartige Straftaten sind in Deutschland ausschließlich die Staatsanwaltschaften und die Gerichte, die auf der Grundlage des Strafgesetzbuches ermitteln und Recht sprechen.

Im katholischen Kirchenrecht ist zwar auch der sexuelle Missbrauch geregelt, aber laut dem Kirchenrechtler Martin Rehak dürfen die kirchlichen Gerichte nicht zu einer „Paralleljustiz“ führen, durch die zum Beispiel Priester der Strafverfolgung durch die staatliche Gerichtsbarkeit entzogen werden (siehe www.tagesschau.de). Dies bedeutet, dass die kirchlichen Stellen bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten müssen und sich nicht auf ihre eigenen Regeln zurückziehen dürfen.

Der Umgang mit dem sexuellen Missbrauch wurde in der Vergangenheit von den Kirchen unzweifelhaft in sträflichem Maße falsch gehandhabt. Es ist somit unstrittig, dass sie eine gewaltige Aufklärungsarbeit zu leisten haben und weitreichende Konsequenzen ziehen müssen.

Dazu gehören neben der Opferentschädigung im Falle der katholischen Kirche nach meiner Meinung auch das Überbordwerfen von mittelalterlichen Vorstellungen, insbesondere die Befreiung von der Diktatur des Vatikans, die Abschaffung des Zölibates und der unbeschränkte Zugang von Frauen zu allen Weiheämtern. Dieser Prozess muss natürlich kritisch von den Medien begleitet werden, aber ohne lynchjustizartige Reaktionen in der Bevölkerung zu provozieren und ohne die Kirchen auf den sexuellen Missbrauch zu reduzieren.