Leserbrief : Applaudieren reicht nicht!

Personalmangel in der Pflege

Zum Artikel „„Wir arbeiten auf Verschleiß“ (TV, 13. Mai) sowie weiteren Artikeln zum Thema Pflegenotstand:

Wie krank unser Gesundheitssystem ist, durften wir in den letzten Monaten aufgrund mehrerer Krankenhausaufenthalte im Familien- und Freundeskreis feststellen. Während Gesundheitsminister Lauterbach auf Affenpocken und Corona-Wellen herumreitet, werden brennende Themen unseres Gesundheitssystems weiterhin ignoriert. Zu Beginn der Pandemie hat bereits sein Vorgänger Spahn großspurige Veränderungen, was Bezahlung und Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen angeht, angekündigt. Was ist seither passiert? Genau! Nichts! Auch Herr Lauterbach versprach bei Amtsantritt Verbesserungen. Nichts als politisch heiße Luft.

Aufgrund von Personalmangel (und das liegt nicht nur an Corona!) werden ganze Stationen geschlossen oder zusammengelegt. Pflegekräfte müssen noch öfter einspringen, Überstunden leisten und gehen über ihre körperlichen und seelischen Grenzen hinaus. Leidtragende sind dadurch auch die Patienten, die teils von gestressten und überarbeiteten Pflegern angeranzt oder ignoriert werden. Selbst die motivierteste Pflegekraft verliert unter den aktuellen Bedingungen irgendwann die Nerven. Dabei kann der geringste Fehler einen Menschen das Leben kosten! Wohin soll das noch führen?

Krankenhäuser und Pflegeheime wurden (politisch gewollt) in den vergangenen Jahren zu gewinnorientierten Unternehmen. Es geht nicht mehr um den Menschen, nur noch ums Geld; die Firma muss Gewinn erwirtschaften. Dabei werden kranke und alte Menschen zur Nebensache. Und unsere Politik fährt das gesamte System sehenden Auges weiter an die Wand.

Dabei kommt es doch gerade in dieser Branche auf den Menschen an! Wer sich für einen Pflegeberuf entscheidet, tut dies normalerweise aus gutem Grund. Jedoch bleiben Idealismus und Motivation schnell auf der Strecke. Dabei funktioniert das System in anderen Ländern recht gut: Werden Pflegekräfte gerecht bezahlt (und Anerkennung eines Berufes findet nun mal über die Bezahlung statt), gibt es ausreichend Pflegepersonal, und die Arbeitsbedingungen werden für alle dort erträglich. Dann bekommen auch die Patienten die Pflege und Zuwendung, die ihnen zusteht. Applaudieren reicht nicht! Da muss schon mehr passieren.