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Militär: Liebe Poesiefreunde, liebe Strategen ...

Militär : Liebe Poesiefreunde, liebe Strategen ...

Zum Artikel „Deutsche Luftwaffe trainiert für atomaren Ernstfall“ (TV vom 14. Oktober) schreiben Heinz Erschens und Thomas Zuche:

Beim Lesen dieses Beitrags sind wahrscheinlich einigen friedensbewegten Bürgern abwechselnd kalte und heiße Schauer über den Rücken gelaufen. Da übt die Bundeswehr mit Nato-Partnern in einem geheimen Manöver das Handling von Atomwaffen unter dem harmlos verschleiernden Namen „Steadfast Noon“.

Im kalten Krieg waren viele Militärs in Ost und West davon überzeugt, dass es möglich wäre, einen Nuklearkrieg zu führen und zu gewinnen. Diese Ansicht wurde auch damit untermauert, weil in den Arsenalen der Supermächte Waffen lagerten mit hoher Präzision und Zielgenauigkeit. Eine Seilschaft aus unverbesserlichen Falken im Pentagon glaubte sogar, dass es möglich wäre, einen nuklearen Schlagabtausch zu überleben, wenn man ihn auf Europa begrenzen würde. Mit dieser Ansicht hatte Präsident Reagan mit seinen Militärstrategen die Friedensbewegung erheblich stimuliert und den Russen eine wunderbare Waffe in die Hand gegeben, um zu verkünden, dass die USA die größte Bedrohung für die Menschheit seien. Es gab aber auch Militärs, die nicht applaudierten. Die Washington Post schrieb am 19. Juni 1982, dass General David C. Jones, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs (Joint Chiefs of Staff), sein Amt mit der Warnung verlassen habe, man könne keinen nuklearen Schlagabtausch begrenzen, ohne dass er zu einem totalen Krieg ausarten würde.

Auch Harold Brown, Verteidigungsminister unter Präsident Carter, sagte bei einem Auftritt vor der Marineschule, dass ein begrenzter Nuklearkrieg nicht kalkulierbar wäre und eine nukleare Überlegenheit bedeutungslos sei, weil beide Supermächte sich auf einen radioaktiven Trümmerhaufen reduziert hätten.

Angesichts der gewaltigen Zerstörungsfähigkeit der heutigen konventionellen Waffen ist auch niemand in der Lage sich vorzustellen, wie bei einem kleinen Scharmützel das Ende aussehen würde. Die Konsequenz liegt auf der Hand. Zwei Militärblöcke, beide bis auf die Zähne bewaffnet, so hoch gerüstet, dass ein Angriffskrieg für keinen kalkulierbar ist – diese Konstellation hat uns in Europa bisher schon 75 Jahre Frieden gebracht. Ich bin aber besorgt, wie Politiker und Militärs mit einer verharmlosenden Nuklear­rhetorik etwa wie „Erstschlag-Szenario“, „Overkill“, „Fenster der Verwundbarkeit“, „begrenzter Schlagabtausch“ oder „nukleare Teilhabe“ das Bewusstsein für Leben und Tod abstumpfen lassen. Ihnen sind offenkundig alle physikalischen Fakten und deren Gesetzmäßigkeiten abhanden gekommen. So unglaublich es klingt: Das Gleichgewicht der Kräfte bringt Frieden. Kippt die Balance, sind Kriege nicht ausgeschlossen. Weltweite blutige Scharmützel sind Beleg dafür.

Heinz Erschens, Kell am See

Liebe Poesiefreunde bei der Nato: „Standhafter Mittag“ („Steadfast Noon“) ist ein unterkomplexer Name für das jährliche Atomwaffenmanöver, bei dem im goldenen Oktober massenvernichtungsfähige Flugzeuge über unsere Köpfe donnern. Trainiert wird unter anderem von Büchel aus die „Verteidigung (!) des Bündnisgebietes mit Atomwaffen“, heißt es im Text der Deutschen Presse-Agentur auf der Titelseite. Da hatte die türkische Armee beim völkerrechtswidrigen Einmarsch in die syrische Region um Afrin noch mehr zu bieten. Sie nannte ihn „Operation Olivenzweig“ – damit auch dem letzten Begriffsstutzigen klar wird, hier geht es um Frieden!

Als Mensch mit nostalgischen Rührungen empfehle ich der Nato den Rückgriff auf die Dreifaltigkeit („Trinity“), so nannten die Planer den ersten Atomwaffentest der USA, oder „Fat Men“ in Anspielung auf den lustigen Namen der Atombombe auf Nagasaki am 9. August 1945. Auch „Mister Gaga“ wäre passender und würde Atomwaffenmanöver in geschickter Form mit der Popkultur verschmelzen. Ein Coup für die PR-Spezialisten des Nordatlantischen Bündnisses!

Nein, nach einigem Abwägen passender Namen, lande ich doch wieder bei „Carte Blanche“. So hieß ein Nato-Manöver, bei dem es 1955 tatsächlich um „freie Hand“ für die Verteidiger mit Atomwaffen ging. Ein vermuteter sowjetischer Angriff konnte damals mit der simulierten Explosion von 355 Atomwaffen gestoppt werden – davon 268 auf deutschem Boden…

Liebe Nato-Strategen, technologisch seid ihr heute natürlich viel weiter, und die neuen Atombomben, die in Büchel stationiert sein sollen, würden nicht mehr innerhalb von 48 Stunden 1,5 Millionen Deutsche töten, wie 1955 „gespielt“ wurde. Aber schon die Explosion weniger Atombomben würde einen „nuklearen Winter“ auslösen, dem Millionen Menschen und das Weltklima zum Opfer fallen würden.

Greta, bitte melden! Oder – weniger lyrisch: Schluss mit den Atomspielen über unseren Köpfen! Keine neuen Atombomben für Büchel! Deutschland ist reif für den Atomwaffenverbotsvertrag der Uno!

Thomas Zuche, Trier, Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V.