Bildung: Lotteriespiel für Schüler

Bildung : Lotteriespiel für Schüler

Zum Interview „Dann war der Pakt ein Schuss in den Ofen“ (TV vom 12. Juli) schreibt Norbert Bogerts:

Wer wie der Chef des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, glaubt, ein Zentralabitur würde die Vergleichbarkeit der Abiturleistungen sichern und somit Ungerechtigkeiten bei der Studienplatzvergabe verhindern, lügt sich in die eigene Tasche. Zwar lassen sich dann die Notendurchschnitte vergleichen, nicht aber die Leistungen der Schüler. Ein zentraler Aufgabenpool schränkt die pädagogische Freiheit des verantwortungsvollen Lehrers weitgehend ein, sie ist aber für eine an unterschiedlichen Themen zu vermittelnde, eigenständig erarbeitete, fundierte Bildung der Schüler absolut erforderlich. Der Aufgabenpool setzt voraus, dass „Stoff gepaukt“ wird, so dass Zeit für aktuelle Themen, kritische Reflexion und offene Diskussionen fehlt. In den Lehrplänen müssen einheitliche Vorgaben gemacht werden: Welche Autoren sollen in den Sprachen behandelt oder nicht behandelt werden? Selbst in naturwissenschaftlichen und musischen Fächern stellt sich das Problem ähnlich.

Folge ist, dass die im Unterricht zu berücksichtigenden legitimen Interessen der Schüler und Lehrer vernachlässigt werden, da die Zeit nicht reicht, sie neben den verpflichtenden Themen zu behandeln. Dies trifft besonders in den Ländern zu, in denen das Abitur (noch) nach zwölf Jahren abgelegt wird, aber auch in Rheinland-Pfalz, wo das Abitur quasi nach dem ersten  Halbjahr der 13 stattfindet.

Für Schüler werden die Aufgaben im Pool zum Lotteriespiel, hier ein paar Belege, die zu ergänzen wären: Hatten sie einen begeisterungsfähigen, motivierenden Lehrer oder jemanden, der für den Beruf weniger geeignet ist? Wie viele Stunden Unterrichtsausfall hatten sie aus verschiedensten Gründen (Lehrermangel, -krankheit, -fortbildung oder wegen anderer beruflicher Lehrertätigkeiten wie Exkursionen, Schüleraustausche)? Wie oft gab es fachfremden Unterricht, Vertretungen und Lehrerwechsel in der Oberstufe? Fazit ist, dass aufgrund solch unterschiedlicher Voraussetzungen eine Vergleichbarkeit der Abiturleistungen bei in ganz Deutschland einheitlich gestellten Abituraufgaben rein theoretisch ist, dass dann (un-)glückliche Gegebenheiten für die Noten der Schüler entscheidender sind, so dass es ein Irrglaube ist anzunehmen, die Leistung eines Schülers  aus Rheinland-Pfalz und die eines aus Sachsen sei bei gleicher Note die gleiche. Als Gymnasiallehrer, der Zentralabi­turaufgaben anderer Bundesländer samt Lösungen abonniert – aber nie verwendet hat –, kann ich behaupten, dass die Anforderungen in diesen Aufgaben unterdurchschnittlich sind, da sie ja von allen Schülern – trotz unterschiedlicher unterrichtlicher Voraussetzungen – bearbeitet werden müssen. Sind sie aber überdurchschnittlich anspruchsvoll, kommt es zu Protesten der Betroffenen.

Für den Lehrer ist die eigenständige Erstellung der Abituraufgaben eine große Herausforderung und beansprucht viel Engagement und Zeit, da die vom Ministerium vorgegebenen Richtlinien, die eine Vergleichbarkeit der Aufgaben und damit auch der Schülerleistungen sicherstellen, einzuhalten sind. Da er aber seine Schüler kennt und weiß, was er mit ihnen erarbeitet hat, ist dieser Aufwand auch für ihn befriedigend. So wird er seiner pädagogischen Freiheit und Verantwortung gerecht.

Norbert Bogerts, Welschbillig

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