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Leserbriefe: Märchen, Medien, Mängel und ein bisschen Marx

Leserbriefe : Märchen, Medien, Mängel und ein bisschen Marx

Zum Leserbrief „Hysterische Raserei“ (TV vom 18. April) und zur Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, schreiben Annemarie De Pugh und Michael Wilmes:

Endlich mal jemand, der sich traut, öffentlich seine Meinung zu sagen, wobei ich auch den Trierischen Volksfreund erwähnen möchte, der kritische Leserzuschriften veröffentlicht, was sich noch lange nicht jede Zeitung traut.

Bis vor kurzem dachte ich, dass wir in einer Demokratie leben, aber das war einmal – so fängt jedes Märchen an. Nur mit dem Unterschied, dass es bei einem Märchen ein Happy End gibt, was man von der Situation in Deutschland leider nicht mehr erwarten kann. Diese Gewalt-Explosion, seit die Grenzen geöffnet wurden, ist unfassbar. Dass es in Deutschland mal „No-go-Areas“ geben wird, das war bis vor einiger Zeit undenkbar.

Messerattacken, Tötungsdelikte und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung – auch wenn in unseren Medien so gut wie nichts darüber berichtet wird – allerdings von ausländischen Sendern wird man informiert.

In unserer aufgeklärten und freien Gesellschaft hat der Islam nichts verloren, außer diese Religion erkennt unsere Werte und Gesetze an. Oder sollen wir westlichen Frauen uns jetzt verhüllen, damit wir keine „Schlampen“ sind, mit denen man machen kann, was man will? Es wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, warum ganz Europa – außer einigen Ländern – sich die eigenen Werte und Kultur kaputt machen lässt. Wir haben ein ganz anderes Wertesystem, weshalb eine Integration unmöglich ist. Solange wir Politiker haben, die nur ihr eigenes Süppchen kochen, um an der Macht zu bleiben, sage ich nur: Gute Nacht, Deutschland – oder wie eine Schweizerin kürzlich zu mir sagte: Deutschland ist am Ende. Es ist nur noch peinlich und gruselig.

Annemarie De Pugh, Waldrach

„Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ (Christian Wulff, vollständiger Wortlaut). Ohne „inzwischen auch“ verleitet der Satz zu Fehlinterpretationen: „Gehört“ kann auch als Forderung verstanden werden. Sie kommt bei Islam-Gegnern, Xenophoben und grundsätzlichen Immigrationsgegnern selbstredend schlecht an. Die andere Seite begrüßt ihn aus Einsicht in die Fakten und/oder aus ethischer Verantwortung angesichts von Krieg, Verelendung, Unterdrückung und anderer Schrecklichkeiten jenseits des Mittelmeers. Oder weil manche sich ökonomischen Gewinn durch grenzüberwindende mobile Freizügigkeit versprechen. Wieder andere verbinden damit gewollte kultur- und mentalitätsverändernde politische Absichten: Überwindung eines gewissen Tribalismus und vor allem Nationalismus durch ethnische und kulturelle Durchmischung der Stammgesellschaften, vor allem in Deutschland angesichts der Nazi-Vergangenheit. Dass dies alles zu innergesellschaftlichen Spannungen führt, darf niemanden wundern.

Herr Schmitz unterstellt in seinem Leserbrief, dass eine Mehrheit in der Bevölkerung die – vor allem – muslimische Zuwanderung ablehne. Ich weiß nicht, woher er die Zahlen hat, aber Tatsache ist, dass manche der von ihm aufgeführten Ereignisse zu Skepsis und Ablehnung bei ohnehin schon xenophoben Teilen der Gesellschaft, aber auch bei Wohlwollenden diese Haltung verstärken. Köln war da sicherlich eine Initialzündung.

Ich bin sicher, dass die gegenwärtige Bildungspolitik nicht gerade dazu beiträgt, einen Gesinnungswandel herbeizuführen. Die – wie ich es nenne – Bildungsspreizung hilft nicht weiter: Ökonomische Effizienz wird begünstigt, das Individuum wird als je nach Wirtschaftslage verfügbares Mittel gesehen (Karl Marx: „industrielle Reservearmee“). Beschleunigung der Bildungsprozesse in immer mehr Berufen wird gefördert (ein Beispiel unter anderen: das Turbo-Abitur, von den verschulten „Bildungs“-Prozessen an den Unis ganz zu schweigen).

Da bleiben ein gewisser Überblick über gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen und Kritikfähigkeit auf der Strecke. Bildung (zum Beispiel Literatur, Philosophie, Musik, Kunst, Soziologie, Religion, Ethik und so weiter) braucht hingegen Zeit (Entschleunigung). Sie sieht den Menschen in seiner Würde, fördert nicht zuletzt auch seine moralische Vervollkommnung, mithin auch seine Fähigkeit zur Fakten-Differenzierung, ermöglicht Offenheit und reflektierte (überlegte, also nicht mitlaufende) Anpassung und eben auch Verweigerung und ebnet unter Umständen sogar den Weg zur praktischen Toleranz.

Statt Bologna täten uns – sagen wir – Humboldt (beide Humboldts – vor allem Wilhelm!) und auch ein Stück weit Karl Marx gut.

Michael Wilmes, Ralingen-Wintersdorf