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Bildung: Meckern allein nützt wenig

Bildung : Meckern allein nützt wenig

Zum Leserbrief „Verbreitete Naivität“ (TV vom 17. März) schreibt Dr.-Ing. Wolfgang Hertel:

Lieber naiv, aber praktisch, als impraktikabel, aber arrogant („Wer ist dieser Herr Brück?“ … und wer ist dieser Dr. Andreas Wagner?). Bei allem Verständnis für Datenschutz hat es zurzeit wenig Sinn, eine schlecht handhabbare Videoplattform (zum Beispiel BigBlueButton) aus Schutzrechtsgründen vorzuziehen, ja vorzuschreiben, und anwenderfreundlichere Programme (zum Beispiel Teams oder Zoom) zu verdammen. Die geringe Praktikabilität von Plattformen auch noch schönzureden („es zwingt doch Kinder und Jugendliche dazu, planvoller und systematischer mit dem Medium umzugehen“), ist in der momentanen Situation an Perversität nicht zu überbieten.

Unsere Schülerinnen und Schüler haben einen Rechtsanspruch auf einen sachlichen und praktikablen Unterricht, und zwar alle, unabhängig von Alter, Herkunft, familiärem und finanziellem Hintergrund sowie persönlichen (Computer-)Fähigkeiten und Präferenzen. Dieser Anspruch stellt immer wieder Lehrer, Bildungsministerium, Eltern vor einen Berg teils widersprüchlicher Anforderungen, Wünsche und Restriktionen. Corona potenziert diese Herausforderungen. Es ist derzeit müßig, über echte und noch mehr vermeintliche Versäumnisse zu streiten. Entscheidend ist, in der jetzigen Sondersituation ein Maximum an Praktikabilität für Schüler, Lehrpersonal und Eltern zu gewährleisten.

Was Schüler lernen sollten, ist nicht, mit unsinnigen Programmen sinnvoll umzugehen, sondern generell ihre Privatsphäre zu erkennen und besser schützen zu lernen, in allen Lebenslagen und unabhängig von Medien, Programmen und Anbietern. Vermeintlich sicheren, ja zertifizierten Programmen zu trauen, das kann naiv sein. Jedes noch so „sichere“ Programm ist hackbar, und ein vermeintlich unsicheres ist vielleicht das bessere und zugleich sicherer.

Schön, wenn der Landesdatenschutzbeauftragte auf Sicherheitslücken hinweist, aber meckern allein nützt wenig. Wo sind die deutschen und europäischen Computer-Kompetenzen, die den USA-Computer-Platzhirschen gleichermaßen anwendungs- wie sicherheitstechnisch die Stirn bieten?!

Im privaten Bereich habe ich Zoom angewandt, und Teams bei Gremiensitzungen der Grünen. Nullo Problemo. Als VG-Ratsmitglied muss ich mit BigBlueButton zurande kommen. Eine mittlere Katastrophe: „Herr Hertel, blenden Sie die Videobilder auf ihrem Computer aus, dann funktioniert die Akustik besser“ (oder umgekehrt?). Und ich bin nicht der einzige. So was nennt man Video-Konferenz! Das ist keine Kritik an der VG-Verwaltung!

Dr.-Ing. Wolfgang Hertel, Konz