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Zum Artikel "Bis zu 70 Prozent billiger: Rabatte locken Schnäppchenjäger" (TV vom 5. Juli):

Meinung

Steck\\'s dir hinter den Spiegel, Volksfreund!
Mensch (?), Volksfreund, Trierischer! Da haste aber auf der Titelseite ne Hauptschlagzeile rausgehauen: "Bis zu 70 Prozent billiger: Rabatte locken Schnäppchenjäger", nebst eindrucksvoller Grafik ("Sale", "%", Klamotten auf der Stange, Einkaufstüten) - so stopft man die Bresche des Sommerlochs! Klarer kann die Botschaft nicht rüberkommen: Leute kauft, kauft … Zuerst dachte ich, das Anzeigenblatt sei jetzt morgens verteilt worden, aber das Logo war 100 Pro TV: "unabhängig - überparteilich - gegründet 1875". Na ja, der SSV kommt ja auch nur einmal im Jahr - obwohl: Sale und % gibt es inzwischen von Neujahr bis Silvester. Es gab ja auch sonst kaum was zu berichten: Die lecken Reaktoren in Fukushima strahlen schon seit Monaten vor sich hin. Sind ja weit weg und oft genug beschrieben, auch im TV. Die enormen Schulden der Griechen machen nur schlechte Laune, vor allem, wenn wir sie schließlich alle als Steuerzahler am Hals haben, also da schweigt man lieber mal dazu. Und was das mit den Banken und dem "Turbo-Kapitalismus" zu tun hat, da brauchen wir auch nicht öffentlich drüber zu grübeln. Die Nordafrika-Revolte ist schon ziemlich abgegrast, und außerdem geht es seit Wochen weder in Ägypten noch in Tunesien oder gar in Libyen so richtig vorwärts. Damit willst du Deine Leser nicht langweilen. Auch die Abschaffung der Wehrpflicht berührt uns nicht mehr so, da muss der Verteidigungsminister künftig halt sehen, wo er die Z-ler auftreibt, die uns am Hindukusch verteidigen, Hauptsache wir müssen nicht mehr zum Bund. Wie ich auf diese Themen komme? Ja, da hat Günter Grass eine Rede gehalten auf der Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche und die war abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung. Also da standen solche Sachen drin - grob gesagt zum Thema "unzulänglich aufgeklärte Öffentlichkeit". So etwa als Vorschlag, was Journalisten mal an Themen bearbeiten könnten oder quasi von ihrem Berufsethos her aufklären müssten. Ich weiß, Grass sagt auch nicht immer alles, was er sagen müsste und zu dem Zeitpunkt, wo er das sollte, aber den Artikel, lieber Volksfreund, könntest du Dir mal hinter den Spiegel stecken. Er schrieb darin auch noch von den "in Existenznot geratenen Printmedien" und deren Abhängigkeit von den Anzeigenkunden, was auch den Inhalt beeinflusse und wirksamer sei als Zensur oder so ähnlich. Aber das kann es doch bei unserem Volksfreund nicht gewesen sein, SSV-Hauptschlagzeile auf der Titelseite, weil viele SSV-Anzeigen im Inneren - was wäre denn dann noch der Unterschied zum Anzeigenblatt? Also, nö, du kannst ganz anders: Der Kommentar am 4. Juli zu dem Leopardendeal mit den Saudis, der war klar, mutig und aufklärend! War halt nur ein Kommentar, auf Seite zwei, lesen leider nicht so viele wie die Hauptschlagzeile auf dem Titel. Dr. Alois Deller, Trier