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Katholische Kirche: Mühlstein am Hals

Katholische Kirche : Mühlstein am Hals

Zum Artikel „Trierer Missbrauchsopfer: Angebot der Bischöfe ist schäbig“ (TV vom 24. September) und zu weiteren Beiträgen zum Thema schreiben Hermann Schell, Anneliese Thommes, Marlies Poth sowie Brigitte und Eckart Wedler:

Der Oberhirte aus Trier navigiert auf Sicht, und das seit mehr als zehn Jahren. Was denkt sich Bischof Ackermann eigentlich? Weiß er noch, was er tut, was er spricht?

Ackermann: „Wir haben in der Kirche eine andere Kultur als in der Politik. Wer zurücktritt, vollzieht zwar ein großes Symbol und macht den Weg frei für einen Nachfolger, aber gleichzeitig ist er dann auch aus der Verantwortung heraus. Wir wollen in der Kirche aber Verantwortung übernehmen und uns der Aufarbeitung stellen.“ Der neuste Gag vom Spin-Doktor.

So agiert ein Taktierer, der mit aller Macht verhindern will, dass öffentlich wird, wie Vorgängerbischof Stein Kinder geopfert hat und Tätern wissentlich den Boden für weitere Straftaten bereitet hat. Ja, das wird schmerzen, einen bereits überführten Bischof öffentlich als Missbrauchsvertuscher und Täterschützer zu benennen. Ich bin schon auf die klerikalen Umschreibungen gespannt.

Was lässt sich Ackermann denn einfallen, wenn es darum geht, Bischof Bätzing und Kardinal Marx zu schützen oder gar sich selbst?

„Wir wollen uns der Aufarbeitung stellen“, mit einer Kommission, die wohl erst in fünf Jahren Ergebnisse liefern wird, mit einem aktuellen Verbot von Akteneinsicht mit Hinweis auf dieselbe oder gar mit der Begründung, dass man an einem neuen Personalaktenführungssystem für alle Bistümer arbeite.

Wer will einem solchen Aufarbeitungsverhinderer noch Glauben schenken, der in seinem eigenen Bistum nicht den Hauch einer glaubwürdigen Aufarbeitung hinbekommt.

Mit dem oben genannten Zitat manifestiert Ackermann die eigene, kircheneigene Missbrauchskultur. Er muss nicht zurücktreten. Er kann aber vortreten und sagen: Ja, Bischof Stein hat sich schuldig gemacht. Dafür braucht es keine Kommission mehr, die Beweise liegen vor, und andere finden sich mit Sicherheit in den Akten.

Vielleicht fährt er aber den Kahn in Trier bald endgültig selbst vor die Wand und macht Platz für einen Menschen, der versteht, worum es geht. Und hoffentlich unterstützt die Politik uns in unseren Forderungen, den Bischof-Stein-Platz umzubenennen und die beiden Bundesverdienstkreuze abzuerkennen.

Hermann Schell, Beirat Missbit e.V., Saarbrücken

Was würde Jesus heute sagen; anstatt 50 000 Euro Entschädigung für den Missbrauch von Kindern zu zahlen: „Wer einem von diesen Kleinen Ärgernis gibt, dem wäre es besser, es würde ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und dass er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“

Er würde dem ganzen patriarchalen katholischen Klerus sagen, was er zu seiner Zeit den Schriftgelehrten und Pharisäern gesagt hat: „Wehe euch, ihr bürdet den Menschen Lasten auf, die ihr selbst nicht tragen wollt.“

Was der Zölibat und die Frauendiskriminierung angeht, bis 1139 waren Priester verheiratet, hatten Frau und Kinder. Es wurde von Papst Innozenz II. eingeführt, um das Recht auf Erbansprüchen von Frau und Kindern zu unterlaufen. Er bekräftigte, dass die Kirchen den Klauen der Laien nicht entkommen können, wenn sie nicht zuvor den Klauen ihrer Frauen entkommen.

Ich kann mich als ehemalige Krankenschwester erinnern, am Sterbebett eines alten Mannes gestanden zu haben, der die Krankensalbung nur bekommen sollte, wenn er sich von seiner Lebensgefährtin trennte, Humanität scheint in der katholischen Kirche ein Fremdwort zu sein.

„In unserer zeitgenössischen Kirche wird es erst dann ein Gleichgewicht geben, wenn die vollkommene Gleichstellung der Geschlechter akzeptiert wird, wenn der Zwang zum Zölibat aufgehoben und Frauen ordiniert werden und wenn Maria, „die Geliebte“, in der heiligen Vereinigung wieder neben ihrem archetypischen Bräutigam eingesetzt sein wird (Margaret Starbird).

In der Bibel steht schon geschrieben: „Lasst uns den Menschen bilden nach unserem Bild und Gleichnis.“ Und: „Als Mann und Frau erschuf er sie.“

Vielleicht hat der Dalai Lama recht, wenn er meint: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und heilige Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.“ In der Stille erreichen dich die Göttlichkeit, die Liebe und das Glück leichter.

Anneliese Thommes, Prüm

Zu einem Leserbrief unter der Überschrift „Nicht im Namen des Herrn“ (TV vom 30. September):

Gott sei Dank bleibt mir die Spucke nicht im Hals stecken. Das Gegenteil ist der Fall. Ich möchte es laut schreien! Heinrich Ewen wagt es, zu sagen, die Opfer des Missbrauchs oder ihrer Fürsprecher sollen sich selbst hinterfragen, ob sie doch nicht selbst schuld sind an ihrem Unglück. Mir fehlen die Worte über so eine Unverschämtheit und Missachtung der Opfer.

Hat der Mann überhaupt eine Ahnung was Missbrauch bedeutet? Er soll den Mund halten und Reue tun ob seiner Gedanken. Amen.

Marlies Poth, Kell am See

Bereits Pastoralreferent Rudolf Meyer hatte in einem Leserbrief (TV vom 25. März) seine Meinung geäußert, dass es genug sei, immer wieder auf die Missbrauchsfälle durch Priester einzudreschen. Jetzt müssen wir feststellen, dass auch Heinrich Ewen ähnliches Gedankengut verbreitet.

Toll, dass Bischof Stein ein guter und aufrechter Bischof war und tat, was er (die Betonung liegt auf „er“) für gut und richtig hielt. Leider ist nicht immer alles gut und richtig, was man selber für gut und richtig hält.

Es ist Herrn Ewen wie auch Herrn Meyer sicher nicht bewusst, was man manchen Kindern und Jugendlichen angetan hat. Es ist eine unglaubliche Anmaßung, dass sich solche Priester auch noch für Gottes Stellvertreter halten. Sie glauben, dass alles gut und richtig ist, weil sie es für gut und richtig halten. Den toten Bischof Stein soll man ruhen lassen und seine Vertuschung der Missbrauchsfälle ebenfalls und ihn weiterhin verherrlichen?

Im Gegenteil; es muss alles schnellstens getan werden, um den Missbrauchsopfern endlich die entsprechende Entschädigung zukommen zu lassen. Die sich seit Jahren hinziehende Hinhaltetaktik ist nicht mehr zu ertragen.

Warum sollen die Missbit-Sprecher ihren Zeigefinger auf sich selbst richten? Worin liegt denn deren Fehler? Dass sie sich um die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle für die Opfer einsetzen?

Ein Fehler ist es, dass Herr Ewen wie auch Herr Meyer ihre Leserbriefe veröffentlichen ließen, indem sie die Opfer und ihre Unterstützer (Missbit) verhöhnen. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist kein Fehler, sondern eine Straftat (falls das den beiden Herren entgangen sein sollte).

Mit deren Meinung werden die Missbrauchsfälle in der Kirche durch Priester nicht vermieden werden, sondern eher noch bestärkt, weil die Täter sich auf die Unterstützung durch die Institution „katholische Kirche“ berufen können.

Brigitte und Eckart Wedler, Gusterath