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Politik: Mulmiges Gefühl

Politik : Mulmiges Gefühl

Zur Berichterstattung über den Sturm auf das Kapitol in Washington, den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump und seinen Nachfolger Joe Biden schreiben Karl-Josef Prüm, Harald Dupont, Dr. Christian Fruböse, Karl-Heinz Keiser und Brigitte Warmers-Ternes:

Ich habe in den letzten Jahren mehrfach aus privaten Gründen die USA bereist, zweimal in der Trump-Ära. Wenn ich die Flut von Nationalflaggen und Fahnen an allen möglichen Einrichtungen bis hin zu öffentlichen Klohäuschen und Grabstätten auf Friedhöfen ansehen musste, bekam ich zunehmend ein mulmiges Gefühl. Wo bin ich hier? In einer Diktatur? Ich dachte, nur die Nazis hätten diese Dauerpropaganda nötig gehabt. Braucht eine moderne Weltmacht tatsächlich so viel Firlefanz, um sich „groß“ zu fühlen? Oder ist es vielmehr ein Zeichen fehlenden Selbstbewusstseins, wenn ein Land so viel Wert auf Äußerlichkeiten legen muss?

Ich habe die USA in der Tat in vielen Teilen als Dritte-Welt-Staat erlebt. Unmengen verkommener Hinterhöfe in den Städten bis mitten im Finanzzentrum New Yorks. Allenfalls die Fassaden glitzerten. Sonst viel Schall und Rauch. Die Stadt Cleveland besteht zu über 50 Prozent nur noch aus Ruinenfeldern, nicht viel anders sieht es im einst stolzen Buffalo am Eriesee aus. Da können auch die pompösesten Casinotürme an den Niagarafällen nicht drüber hinwegtäuschen: Die USA sind ein Fall für die Couch, ein Sanierungsfall, physisch wie psychisch, eine schier unbewältigbare Mammutaufgabe für Joe Biden. Wünschen wir ihm trotzdem alles Glück dieser Welt. Er wird es bitter nötig haben!

Karl-Josef Prüm, Trier

„Irre! – Wir behandeln die Falschen“, so die Botschaft des Kabarettisten und Psychiaters Manfred Lütz. Irr und wirr ist Trump nicht. Dumm auch nicht. Schlau und listig wie ein Fuchs – schon eher. Nur sein Erfolg, sein Weiterkommen, sein Hunger nach mehr, sein Ich zählen. Wahrheit und Lüge, den Unterschied macht er nicht.

The show must go on. Koste es, was es wolle. Hollywood, Glanz, Größe und Glamour lassen grüßen. Im Showgeschäft, im Reichtum scheffeln, im Betrügen und Lügen, da kennt er sich aus. Doch Demokratie ist keine Show. Showmaster sind hier fehl am Platz. Dass seine Anhänger sich von so einem charakterlosen selbstverliebten Egoisten einlullen lassen, das ist die wahre Katastrophe. Das ist wirklich irre!

Harald Dupont, Ettringen

Das Entsetzen über die verstörenden Ereignisse vor dem Kapitol wirft einige weitere Fragen auf:

1. Wie kann es sein, dass bei dieser Wahl der narzisstische und eigentlich schon amoralische Donald Trump mehr Wähler hinter sich vereinen konnte als es dem charismatischen und persönlich überzeugenden Barack Obama jemals gelang?

2. Ist diese Entwicklung auch für Deutschland von Bedeutung?

Viele Aspekte der amerikanischen Entwicklung sind übertragbar auf Deutschland. Auch hier nimmt unter immer mehr Menschen das Gefühl zu, ausgegrenzt und nicht gehört zu werden. Alte Werte werden nicht mehr geachtet, man hat neue Werte zu akzeptieren. Hier wie in den USA ist das Problem, dass der verordnete Wertewandel (etwa im Gender-Bereich) längst nicht von allen Bürgern mitgetragen wird. Auch bei uns hat unter der Oberfläche längst ein Kulturkampf begonnen. Das Problem: Dieser Konflikt wird nicht offen ausgetragen, sondern ähnelt derzeit eher einem von oben kommenden Umerziehungsprozess, gepaart mit „cancel culture“ und „political correctness“. Das erzeugt Frustration. Und genau diese Frustration hat Donald Trump – für das Establishment völlig unerwartet – bei den Wahlen und am 6. Januar meisterhaft für sich genutzt.

Was sollten wir besser machen? Ein tiefgreifender Kulturwandel wie derzeit muss die Menschen mitnehmen.

Dazu braucht es einen kontroversen, aber fairen Diskurs, der einbezieht und nicht ausgrenzt! Beides muss in den Medien, aber auch in den Parlamenten geschehen. Nur dadurch wird der notwendige evolutionäre Veränderungsprozess möglich. Das sollte eine funktionierende Demokratie normalerweise leisten.

Die Anzeichen, dass dies auch bei uns seit Jahren nicht gelingt, sind nicht zu übersehen. Aktuell zeigen sich die Frustration und das Unwohlsein durch die Ausbreitung der teilweise schon irrationalen „Querdenker“ bis weit in Schichten des ehemals staatstragenden Mittelstandes hinein.

Diese Menschen misstrauen den ehemaligen „Leitmedien“, stattdessen glauben sie lieber dubiosen Quellen. Und viele haben sogar das Vertrauen in die bestehenden Institutionen verloren. Die politische und die mediale Klasse müssen sich – auch bei uns – fragen, was sie falsch gemacht haben. Die USA sind ein warnendes Beispiel!

Dr. Christian Fruböse, Trier

Der Rest der Welt fragt sich: Wie weit ist der Weg noch in den privat bewaffneten Vereinigten Staaten von Amerika von Präsidentschaftswahlen bis zum Bürgerkrieg?!

Karl-Heinz Keiser, Thomm

Zum Seite-eins-Foto (TV vom 8. Januar):

Ich protestiere energisch gegen das Foto und gegen den dazugehörigen Text „Beten für die Demokratie“. Das Foto zeigt Joe Biden, den designierten Präsidenten der USA, mit bigottem, verklärtem Gesichtsausdruck, gefalteten Händen und mit genau hinter seinem Kopf erscheinendem „Heiligenschein“, der wahrscheinlich von einer Inschrift im Hintergrund herrührt.

Es ist wohl eine Momentaufnahme von der Rede Bidens am 6. Januar zu den Ereignissen in Washington. Diese Rede wurde mehrfach im Fernsehen gesendet und war auf Englisch und in deutscher Übersetzung zu hören. Sie war getragen von der Erschütterung über die Vorfälle vor und innerhalb des Kapitols und dem Versuch, darauf als zukünftiger Präsident der USA angemessen zu reagieren.

Was sollte dieser Aufmacher in Bild und Wort im Volksfreund? Er hätte allenfalls als bösartige Karikatur dienen können. Seriöse, verantwortliche Berichterstattung sieht anders aus.

Brigitte Warmers-Ternes, Trier