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Nazis, Nonnen und der Geist von Karl

FOTO: TV / Klaus Kimmling
Rhabarber, Rhabarber, Rhabarber ... ja, ich weiß, es reicht langsam mit Karl Marx und dem pseudophilosophischen Geblubber.

Alles gesagt, alles geschrieben, meinen viele. Genug! (Dabei ist nicht mal alles, was Marx gesagt und geschrieben hat, veröffentlicht.)

Bemerkenswert, was den Leuten einfällt, wenn es sie nach Trier verschlägt. Weil sie, zum Beispiel,  den Auftrag haben, für Intelligenzblätter oder Metropolenmagazine über Karl Marx und die Stadt, die den Denker und Weltrevolutionär hervorgebracht hat, zu berichten.

Religion ist das Opium des Volkes, und Marx ist das Ecstasy des Journalismus. Manche Texte lesen  sich, als seien die Autoren beim Fabulieren auf Speed gewesen.

„Schwul“ sei Trier, bezeugt einer, der sich aus Berlin hergequält hat und aus dieser Qual kein Hehl macht. Schön zwar, so schön, dass es kaum auszuhalten sei, aber dieser Marx, der das „Kapital“ so „saumäßig faul“ runtergerotzt habe, so „unfickbar hässlichdumm“ (Tschuldigung, Zitat) und so weiter …

Notizen aus der Provinz, wo die Hinterwäldler mit einem Schwermetallimport aus China postideologisches Tourismusmarketing betreiben, wie es anderswo heißt. Hehe!

Beim Rauschebart des Propheten: Marx war ein Kind seiner Zeit. Was er dachte, sagte, schrieb, hat (auch) damit zu tun, woher er kam. Und das war nicht das Trier von heute, sondern das ärmliche Pfaffennest von vor zweihundert Jahren.

Würde Marx im Hier und Jetzt durch Trier flanieren, käme er auf andere Ideen als anno dunnemals. Er sähe, dass am Pranger zwei Nazis lungern, ewig Gestrige. Er sähe einen Trupp schüchterner Nonnen, staunend vor einer gewaltigen Statue aus Bronze. Er sähe, wie ums Eck ein Mann naht, auf einem Fahrrad – ein Gespenst, ein Geist, aus der Zeit gefallen, nein, sein eigener Doppelgänger. Er sähe Touristen aus Fernost, die ihre Oma im Rollstuhl vor einem Kaufhaus parken. Er sähe Menschen, die mit ihrem Telefon fotografieren, und Menschen, die mit ihrem Fotoapparat telefonieren ...

Okay, das habe ich neulich beobachtet. Was ich sagen will: Du kannst es in Trier und überall sonst tun, in der Provinz, in der Hauptstadt: darüber nachdenken, woher wir kommen, um zu verstehen, warum wir geworden sind, was wir sind. Ohne dialektische Bocksprünge.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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