Leserbrief: Nicht Bittsteller, sondern Dankender

Leserbrief : Nicht Bittsteller, sondern Dankender

Nickneger

Zum Artikel „Darf der ‚Nickneger‘ noch weiter nicken?“ vom 22./23. Dezember erreichte uns dieser Brief:

Eine Sensibilisierung unseres Sprachbewusstseins hat dazu geführt, die Menschen schwarzer Hautfarbe nicht mehr als „Neger“ zu bezeichnen. Aus diesem Grund befürworte ich eine Vermeidung des Begriffs „Nickneger“ und plädiere stattdessen für das heute ebenso verwendete Wort „Nickmännchen“. Die Untaten der Kirche in Zeiten des sogenannten Kolonialismus müssen wir uns als christlich geprägte Gesellschaft immer wieder vor Augen führen. Die Menschen des afrikanischen Kontinents waren vielfach genötigt, ihre kulturelle Identität aufzugeben, um sich – unter Zwang – der christlichen Religion anzuschließen. Hier hat Kirche große Schuld auf sich geladen. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass das Wirken der Kirche insbesondere in von Hungersnöten und Armut geplagten Ländern erst dazu geführt hat, den Blick auf die Regionen der Welt zu richten, die nicht vom europäischen Reichtum profitieren. Wie es im Artikel ja sogar eigens erwähnt wird, war es das Päpstliche Missionswerk der Kinder in Deutschland, welches dafür warb, den bitterarmen Ländern Spenden zukommen zu lassen. Das mit solchen Missionsspardosen gesammelte Geld diente neben der Zusendung von Lebensmitteln und Medizin unter anderem der Errichtung von Schulen. Die Menschen, die hier segensreich wirkten, nennen wir Missionare. Die Bedeutung der Mission (lat. missio = Sendung) ist durch die oben genannten Verfehlungen der Kirche stark in Misskredit geraten, darf aber für das Verständnis unseres Christseins nicht unberücksichtigt bleiben. Im Matthäusevangelium ist es Christus selbst, der als der Auferstandene seine Jünger bis an die Grenzen der Erde sendet, um Zeugnis abzugeben von dem, was ihr Leben fulminant veränderte.

Die Erfahrung von Ostern lässt die Jünger aufbrechen, um allen Menschen zu verkündigen, dass Jesus der Messias und Retter der Welt ist. Die Frohe Botschaft durchbricht die nationalen Grenzen Israels und wird zur universalen Heilsbotschaft.

Die Missionare früherer Jahrzehnte stellten auf entsprechenden Spardosen Menschen jener Länder dar, für die gespendet werden sollte. Wer sich solche Spardosen an Weihnachtskrippen anschaut, wird mitnichten feststellen können, dass hier auf despektierliche Art und Weise Menschen gezeigt werden, die verunglimpft werden. Durch Einwurf einer Geldmünze wird das Nicken der Figur mechanisch ausgelöst. Wer diese Art, sich stellvertretend zu „bedanken“, als Ausdruck der Verknechtung versteht, der kann die unten angebrachte Aufschrift nicht verstanden haben. Die offenkundig bedürftige Frau dankt nicht einfach durch ein sklavisches Nicken, sondern durch die größte Ausdrucksmöglichkeit eines demütigen Menschen, der die gute Tat des Anderen wahrnimmt und ihm mit einem Ausspruch dankt, der unserer Zeit völlig fremd geworden ist: „Vergelt’s Gott!“ Der Beschenkte wünscht seinem Gegenüber, dass Gott ihm seine Mildtätigkeit vergelten, das heißt anerkennen wird! Gerade dieser Wunsch des Beschenkten kennzeichnet ihn in seiner Würde. Er ist nicht einfach Bittsteller, er ist Dankender! Sein Herz ist kein verstocktes, sondern ein weit geöffnetes für Gott und den Menschen. In seiner größten Not vermag er noch zu danken. Ja, die Armut und Dankbarkeit der Menschen anderer Länder vorgeführt zu bekommen, fällt nicht immer leicht. Vielleicht haben auch deswegen zahlreiche Menschen solch große Angst vor Flüchtlingen aller couleur – die Not des Anderen relativiert oftmals die eigene: das kann schon wehtun. Womöglich sollten wir in Zeiten der europäischen Krise uns weniger mit Urteilen über Relikte der Vergangenheit wichtigtun. Vielmehr sollten wir das christliche Fundament unserer Staatengemeinschaft betonen, das die Politik unserer Tage immer wieder an ihre Verantwortung erinnert. Unsere Verantwortung liegt darin, Europa nicht länger als wirtschaftliches System zu propagieren, sondern als geistige Größe wiederzubeleben. Da hilft es nicht, die Not der anderen in die Archive der Museen zu verbannen. Die Nickmännchen dürfen nicht nur nicken, sie müssen es! Die Botschaft der Weihnacht ist eine universale. Auf den Weg zur Krippe machen sich all jene, die die Verheißung vom neugeborenen Christus für das eigene Leben verstanden haben. Hierzu gehören Menschen aller Hautfarben und aller sozialen Schichten – selbstverständlich auch die Menschen des schwarzen Kontinents (repräsentiert durch die um Hilfe bittenden und dankenden Nickmännchen sowie durch einen Vertreter der sogenannten Weisen aus dem Morgenland/Heiligen Drei Könige, die hierzulande gerade durch ihr majestätisches Gefolge und ihre kostbaren Gaben als Wohlhabende gekennzeichnet sind). Eines haben sie alle gemeinsam: die Einsicht, dass Gottes Anwesenheit in dieser Welt den Menschen Frieden auf Erden bringt. Gott zu erkennen heißt, den Mitmenschen zu erkennen!