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leserbriefe: Nicht die geringste Selbstkritik

leserbriefe : Nicht die geringste Selbstkritik

Zur Berichterstattung über den Fall Özil und die Integrationsdebatte schreiben Monika Wächter, Johannes Michael Nebe, Michael Wilmes, Eberhard Kohl, Josef Käser, Josef Bach und Hans Peter Limper:

Ich ärgere mich darüber, dass offensichtlich viele Personen mit exakten Begriffsdefinitionen nicht Bescheid wissen und dies locker durcheinandergeworfen wird.

Der Fußballspieler Özil spricht von Rassismus gegen ihn. Nein und noch mal nein, es wird sein Verhalten kritisiert.

Rassismus ist die Herabsetzung eines Menschen wegen seiner Herkunft, Ethnie oder seines Aussehens. Das ist ethisch falsch! Argumentativ berechtigte und sorgfältig formulierte Kritik an der Sachlage und dem Verhalten irgendeines Menschen oder Staates dagegen muss erlaubt sein und führt zu Nachdenken, Entwicklung und Bewusstseinsbildung!

Ich wünsche mir von den Medien und auch vom TV, dass diese wichtigen Begriffsdefinitionen immer wieder herausgestellt werden, damit dies endlich mal in den Köpfen ankommt.

Monika Wächter, Wittlich

Warum verlangen wir von Mesut Özil das, was unsere Politiker vermissen lassen?

Johannes Michael Nebe, Trier

Wann ist jemand in eine (wann, wo und wie auch immer vorgefundene) Stammgesellschaft integriert? Wann ist diese Person also in diese (Groß-)Gruppe „eingegliedert“? Nach meinem Dafürhalten ist sie das dann, wenn sie erstens die vom Staat der Gesellschaft erhobenen Steuern zahlt (falls sie nicht aufgrund gesetzlicher Bestimmungen davon befreit ist), also auch ihren Arbeitsplatz in Einrichtungen oder Betrieben in jener Gesellschaft hat, folglich dort lebt oder dorthin pendelt, zweitens sie die Gesetze dieses Staates beachtet und möglichst auch nicht verletzt, drittens sie last but not ­least die Grundlagen, auf denen die Gesetze beruhen, anerkennt und zumindest in der Öffentlichkeit lebt. Für Deutschland heißt das, wenn sie die Menschenrechte anerkennt, beachtet und lebt, wenn sie folglich „auf dem Boden des Grundgesetzes“ steht. Das gilt besonders für diejenige Person, welche die Staatsbürgerschaft des Stammgesellschafts-Staates besitzt, das heißt auch die politische Mitverantwortung hat. Bei doppelter Staatsbürgerschaft spielen dann nach meinem Dafürhalten die politisch-ethischen Voraussetzungen des anderen Staates eine Rolle bei der Beurteilung von doppelter Staatsbürgerschaft.

Viele, sehr viele verwechseln Integration mit Assimilation, also Angleichung. Das heißt, die Person soll nicht nur die Integrationsvoraussetzungen (siehe oben) erfüllen, sie soll sich auch in ihrer grundsätzlichen Wertehaltung, im Verhalten und im Handeln den Werten und Normen der Stammgesellschaft bis zur nahezu völligen Übernahme = Identifikation angleichen. Das ist für Menschen aus sehr unterschiedlicher Kulturherkunft nicht oder nur äußerst schwer zu leisten. Wer das nicht erkennt und/oder nicht akzeptiert, der ist in meinen Augen beschränkt und/oder ein Kulturchauvinist.

Sollte es sich bei der oben genannten (Model-)Person auch noch um einen Farbigen handeln, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit Rassismus hinzu. Eine ganz andere Frage ist, ob diese (Model-)Person den Willen hat, sich zu assimilieren. Das ist nur individuell zu beantworten. Und da der (freie) Wille eines Menschen gerade auch ein Menschenrecht ist, bleibt es ihr überlassen und sonst niemandem.

Wer eine Multikulti-Gesellschaft will, der akzeptiert (oder strebt an) somit eine gewisse Fragmentierung der Gesellschaft, die im Übrigen ohnehin schon (auch ohne Moslems) besteht. Sollten Teile der durchaus daraus entstehenden „Parallelgesellschaften“ die Gesetze des Stammgesellschafts-Staates brechen, werden sie kriminell und gehören vor Gericht.

Was den Fall Özil (und Gündogan) angeht, möge jeder ihn anhand der in diesem Leserbrief genannten Voraussetzungen und Gegebenheiten selber beurteilen.

Michael Wilmes, Ralingen-Wintersdorf

Der Rücktritt von Mesut Özil ist die logische Konsequenz der vorausgegangenen Ereignisse. Özil musste klar sein, dass er es nach einer erneuten Berufung durch den Bundestrainer in die Nationalmannschaft sehr schwer haben würde, vor den Fans, seinen Mannschaftskameraden und den kritischen Journalisten zu bestehen.

Özil hatte vor der WM genügend Zeit, sich zum unglücklichen Bild mit Erdogan zu äußern; das aber hat er bewusst oder feige unterlassen. Wenn er seinen Rücktritt mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber DFB und Fußballfans verbindet, anstatt sein Handeln zu bedauern, so zeigt er nicht die geringste Selbstkritik.

Beim Bundestrainer hatte er trotz seiner eher mäßigen Leistungen in den letzten Jahren einen Freifahrtschein (wie einige andere auch), dabei wäre es wichtig gewesen, für ein solches Turnier Spieler mir den besten Leistungen und mit dem Willen, alles für „die Mannschaft“ zu geben, auszuwählen. Körpersprache und Ablehnung von Ritualen vermittelten aber nicht unbedingt überzeugend einen Einsatzwillen fürs Team. Das konnten Fußballer anderer Nationen wesentlich besser verwirklichen – vor und im Spiel!

Leider wird Özils Verhalten eine Lawine lostreten: Die verbleibenden Nationalspieler werden schwerlich wieder zu ihren starken Tugenden zurückfinden, auch andere werden ihren Rücktritt erklären, die DFB-Spitze wird stark geschwächt sein oder sogar zurücktreten (müssen). Und ein Bundestrainer wird seine Entscheidung, weiterhin für die Mannschaft verantwortlich zu sein, schon bald bedauern.

Eberhard Kohl, Wittlich

Nun aber mal langsam, erst mal nachdenken und dann schreien. Was hat der Mensch denn Verwerfliches getan? Er hat sich mit einem, wenn auch nicht gerade als urdemokratisch zu erkennenden Präsidenten getroffen, diesem die Hand geschüttelt, es wurde ein Foto gemacht. Na und? Lothar Matthäus war Gast bei Putin, hat dort logiert, wurde womöglich fürstlich entlohnt, wird der jetzt auch in den Medien als Undeutscher bezeichnet? Was ist mit Gerhard Schröder, einem engen Vertrauten von Putin?

Nein, so geht es nicht. Umso mehr ist es verwunderlich, dem Spieler Özil nun das peinliche Ausscheiden bei der WM anzukreiden. Ich denke, die ganze Mannschaft verliert – es kann nicht ein Einzelner  schuld sein. Wer hat die Mannschaft aufgestellt, wer hat die Spieler benannt? Hier sind noch keine Vorwürfe in der gleichen Größenordnung wie bei Mesut Özil erhoben worden.

In den Jahren, als  Özil grandios aufspielte, wurde über seine türkischen Wurzeln nie etwas Schlechtes berichtet, aber jetzt soll er an allem schuld sein.

Ich kann dies nicht nachvollziehen. Fairness muss auch gegenüber Mesut Özil gelten, und Fußball sollte nicht mit Politik vermischt werden.

Josef Käser, Daun

Gibt es eigentlich kein anderes Problem auf der Welt? Mesut Özil ist in Deutschland geboren und hat die Demokratie und den Rechtsstaat für sich in Anspruch genommen und dabei nicht schlecht abgeschnitten. Wenn Deutschland tatsächlich so rassistisch wäre, wieso wollen denn so viele zu uns?

Inzwischen ist Özil mehrfacher Millionär und war in der Nationalmannschaft integriert – seine zuletzt gezeigten Leistungen und die Motivation entsprachen keineswegs – seinen jetzt geäußerten Ansprüchen.

Wenn Erdogan so ein guter und verlässlicher Staatsmann ist, warum geht Özil dann nicht umgehend – möglichst noch heute – in die Türkei?

Herr Özil, bitte stellen Sie einmal neutrale Vergleiche zwischen Deutschland und der Türkei an, dann werden Sie wissen, warum Sie hier sind. Etwas Dankbarkeit stünde Ihnen sicher gut zu Gesicht – aber nein, Sie nutzen die Vorteile, von Gegenleistung keine Spur.

Auf Leute wie Sie können wir gut verzichten. Und die Presse sollte endlich diese unrühmliche Geschichte zu den Akten legen.

Josef Bach, Birresborn

Zum Interview mit Waldemar Hartmann (TV vom 24. Juli):

Was für ein Wischwaschi-Talk! DFB-Präsident Grindel hat also Fehler gemacht, ohne sie erklärend zu benennen, das kann doch jeder. Der Tag von Özils Erklärung wäre falsch gewesen, da er einen Tag später mit Arsenal in Asien weilt, so sei er einer Befragung ausgewichen. Özil und Löw hätten den gleichen Berater, aber die Argumente, die dann folgen, haben gar nichts mit der Fragestellung zuvor zu tun. Und die Einstufung von Hoeneß, dessen Aussage zu Özil sei „Abteilungsleiter Attacke“ – vor Jahren hätte Waldi so etwas nicht gesagt, da saß er doch mit den Bayern-Bossen auf einer Bank im Stadion. Und das Netz? Für Waldi kein Argument. Begründung: weil sich irgendwelche Volldeppen dort äußern ...

Ich denke, das ganze Özil- und DFB-Thema gehört zwecks Ursachenforschung in die Hände von wahren Profis.

Hans Peter Limper, Trier