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Katholische Kirche: Nicht im Namen des Herrn

Katholische Kirche : Nicht im Namen des Herrn

Zur Berichterstattung über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche schreiben Conny Triesch, Heinrich Ewen, Monika Wächter, Marian Modemann und Rudolf Fischer:

Zum Artikel „Neue Vertuschungsvorwürfe gegen ehemaligen Trierer Bischof Stein“ (TV vom 19./20. September):

Es ist einfach nur unfassbar, widerlich und ekelerregend, was sich in der katholischen Kirche abspielt, und das seit Jahrzehnten. Ich befürchte, das ist nur die Spitze des Eisbergs!

Für mich ist es die Bestätigung, vor vielen Jahren die richtige Entscheidung getroffen zu haben, dieser Kirche den Rücken zu kehren. Wohl bemerkt, der Kirche und nicht dem Glauben! So viel Entschädigung kann die Kirche den Opfern gar nicht zahlen, um das wiedergutzumachen, was sie ihnen angetan hat.

Die Kirche hatte immer schon zu viel Macht und hat sie immer schon missbraucht. Solange das so ist, hat die Kirche auch kein Interesse daran, die Missbrauchsfälle aufzuklären. Nach dem Motto: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Es müssen neutrale Menschen von außen mit einem klaren Blick für Gerechtigkeit für Aufklärung sorgen! Die Kirche muss endlich die Verantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass die Schuldigen für ihre schrecklichen Taten ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.

Aber genau diese verlogene Kirche schreibt ihren „Schäfchen“ vor, wie sie zu leben haben. Ob Frauen abtreiben dürfen, ob Homosexuelle heiraten dürfen, ob Geschiedene ein weiteres Mal kirchlich getraut werden dürfen, ob Frauen in der Kirche mehr Ämter einnehmen dürfen und so weiter. Wie krank ist das denn bitte schön?

Klar tut die Kirche auch Gutes, wie Millionen Menschen auf der Welt auch, jeden Tag. Aber das rechtfertigt nichts! Das, was weltweit geschah und immer noch geschieht, ist nicht im Namen des Herrn.

Conny Triesch, Trier

Zum Artikel „Tritt der Trierer Bischof auf die Bremse?“ (TV vom 22. September):

Es ist genug! Schon wieder macht die Opfervereinigung Missbit in der Zeitung auf sich aufmerksam. Immer wieder weist diese Vereinigung auf Priester hin, die sich an Kindern vergangen haben. Und fordert mal wieder dazu auf, dass der nach Bischof Stein benannte Platz am Trierer Dom umbenannt wird. Bischof Stein war ein guter und aufrechter Bischof. Er tat das, was er für gut und richtig hielt. Und im Übrigen sollte man die Toten endlich ruhen lassen. Die Missbit-Sprecher sollten ihren Zeigefinger auch einmal auf sich selbst richten und sich fragen: Sind wir ohne Fehler?

Heinrich Ewen, Wittlich

Wenn ich die Berichte und Reportagen über den „Altmännerverein“ verfolge, dann drängt sich mir eine zynische Überlegung auf: Macht nur immer so weiter mit den völlig antiquierten Haltungen zu den Menschen und ihren heutigen Sorgen und Nöten und den Erfordernissen moderner Zeiten, dann ist die Auflösung durch den Mitgliederschwund noch schneller geschafft.

Die Skandale innerhalb dieser Machtinstitution (die den Menschen unnatürliche Moralvorstellungen vorschreibt und sich selbst nicht daran hält) und deren Aufdeckung trotz zahlreicher Vertuschungs- und Verschleppungsversuche haben ein derartiges Maß erreicht, dass selbst der willigste Gläubige allmählich aufwacht.

Wenn die deutschen Bischöfe dem sturen und starren Vatikan mal den (Kadaver-)Gehorsam aufkündigen würden, was wäre so schlimm daran? Das wäre echte menschliche Größe.

Was ich überhaupt nicht verstehe und nachvollziehen kann, wenn Frauen sich einer Institution anbiedern, durch die sie über Jahrhunderte diskriminiert, missachtet oder als minderwertig bezeichnet wurden.

Wir erhalten heute Kenntnisse und Aufklärung in vielen Bereichen, die den Menschen früherer Zeiten nicht so zugänglich waren oder bewusst vorenthalten wurden, auch durch das Internet, das viel Positives hat, wenn man es vernünftig zu nutzen weiß.

Natürlich gibt es, besonders in den unteren Chargen der Kirche, Kleriker, die reinen Herzens einen guten Dienst für Menschen leisten. Doch der Machtapparat an der Spitze treibt selbst den Verfall zügig voran. Besonders wenn man bedenkt, was bei seriöser historischer Recherche herauskommt, dass die ganze Institution sowieso nur ein menschliches Konstrukt ist.

Ich weiß, dass Menschen noch immer die Rituale der Kirche schätzen, die ein langes Leben strukturieren: Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Doch auch an der Stelle lassen sich neue, ebenso festliche Möglichkeiten denken und einführen. Es gibt nichts Beständigeres als Veränderung. Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Monika Wächter, Wittlich

Es sind wohl weitere Belege aufgetaucht, dass Bischof Stein vom Missbrauch an Kindern durch Priester seines, des Trierer Bistums, gewusst hat. Er hat die Taten vertuscht, die Täter geschützt. Die Täter wurden versetzt, den Pfarreien wurde nichts über die neuen Pfarrer gesagt. Die Täter hatten weiter engen Kontakt zu Kindern. Bischof Stein hat ihnen „Frischfleisch“ zugeführt. Er war Mittäter. Soll man so einen Menschen ehren, indem man einen Platz nach ihm benennt?

Sicher hat Bischof Stein auch Gutes getan. Trennen wir uns von der „Obrigkeits-Gesellschaft“. Auch „Seine Heiligkeit“ unterliegt unseren Gesetzen. Die katholische Kirche hat eine unabhängige Kommission gebildet, die weitere Untersuchungen führen soll. Die katholische Kirche bestimmt die Mitglieder dieser Kommission . Ergebnisse sollen in ein paar Jahren publiziert werden. Bis dahin: Schweigen. Es soll alles bleiben, wie es ist. Wie fühlt sich ein Missbrauchsopfer, wenn es über den Bischof-Stein-Platz geht? Wie wär’s mit einem „Platz der Missbrauchsopfer“?

Marian Modemann, Trier

Zum Artikel „Jede Pause griff er sich eines der Kinder“ (TV vom 19./20. September):

Der Beitrag des Redakteurs Rolf Seydewitz stellt anschaulich das moralische Versagen des Bischofs Stein dar. Tief erschüttert hat mich das Schicksal einer heute 64-jährigen Frau, die ab dem Alter von vier Jahren von einem Priester über einen langen Zeitraum mehrere dutzend Mal missbraucht wurde. Infolge des Missbrauchs leidet die Frau ihr ganzes Leben lang unter schwersten psychischen Störungen und ist auf ständige medizinische Behandlung und Psychopharmaka angewiesen.

Der Frau wurden als Entschädigung 5000 Euro gezahlt. Diese „Mini-Zahlung“ ist eine Schande für das Bistum und Bischof Stephan Ackermann, der ein monatliches staatliches Gehalt von über 10 500 Euro bezieht. Er spricht zwar davon, dass die priesterlichen Missbrauchsopfer in Anerkennung ihres Leids in christlicher Nächstenliebe großzügig entschädigt werden. In der Realität ist das Gegenteil der Fall.

Dr. Ackermann ist seit zehn Jahren Missbrauchsbeauftragter der deutschen Bischofskonferenz. Er hat in diesem langen Zeitraum nicht einmal dafür gesorgt, dass an schwerst geschädigte priesterliche Missbrauchsopfer wenigstens Abschlagszahlungen bezahlt werden. Nach der Rechtsprechung steht der Frau für das erlittene Unrecht ein Schmerzensgeld von mindestens 100 000 Euro zu. Dies hat das Landgericht Wuppertal in einem vergleichbaren Fall entschieden. Da dem Bistum der Missbrauchsfall bekannt ist, hätte eine angemessene Abschlagszahlung von etwa 80 000 Euro längstens erfolgen müssen. Indem auch in schwersten Missbrauchsfällen bisher praktisch keine Zahlungen erfolgt sind, hat Dr. Ackermann das Vertrauen der Missbrauchsopfer sowie der Katholiken im Bistum verloren. Er hat alle Chancen vertan und missachtet die Opfer. Er fügt dem Bistum Trier schweren Schaden zu und sollte überlegen, einem Nachfolger Platz zu machen.

Rudolf Fischer, Trier