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Soziales: Nicht nur in Krisenzeiten

Soziales : Nicht nur in Krisenzeiten

Zur Berichterstattung über die Betreuung von Kindern während der Corona-Pandemie schreibt Alexandra Reinhard:

Ich bin seit 28 Jahren mit Leib und Seele Erzieherin im Kindergarten beziehungsweise in der Kindertagesstätte und habe in dieser Zeit viele gesellschaftliche Veränderungen und entsprechende politische Entscheidungen miterlebt.

War der Kindergarten zu Beginn meiner Berufstätigkeit noch eine Einrichtung für die Kinder, so ist er im Laufe der Jahre zu einer Institution geworden, die immer mehr darauf reduziert wurde, Eltern ihre Berufstätigkeit zu ermöglichen. Der Kindergarten wurde zur Tagesstätte. Rheinland-Pfalz hat am 31. Oktober 2019 mit dem Bund einen Vertrag für eine bessere Qualität der Kindertagesstätten im Land geschlossen: Familien haben mit dem sogenannten „Gute-Kita-Gesetz“ einen gesetzlich festgelegten Betreuungsanspruch von mindestens sieben Stunden am Tag. Die personelle Ausstattung soll sich entsprechend verbessern, der Bund will rund 269 Millionen Euro in die Ausstattung investieren.

Viele Erzieherinnen sahen diese politischen Entscheidungen von Anfang an sehr kritisch, weil wir uns in den Einrichtungen nicht auf das „Betreuen der Kinder“ reduzieren lassen wollen. Der Kindergarten ist für Kinder ein wichtiger Lernort außerhalb der Familie, im Miteinander mit anderen Kindern und durch wichtige Impulse engagierter Erzieherinnen machen Kinder hier elementare Erfahrungen, die sie brauchen, um in diese Welt, in diese Gesellschaft hineinzuwachsen.

Seit mehr als vier Wochen sind die Kindergärten aufgrund der Corona-Krise geschlossen, und nur sehr wenige Familien machen von der Möglichkeit der „Notbetreuung“ Gebrauch. Auch in meiner Einrichtung wurde in den vergangenen Wochen kein Bedarf zur Betreuung durch die Eltern angemeldet. Aber ich bekomme fast täglich die Rückmeldung der Eltern und Kinder, wie sehr sie die gemeinsame Zeit mit der Familie genießen. Dank Home-Office und flexibler Arbeitszeitmodelle ist plötzlich möglich, was früher undenkbar gewesen wäre: Kinderbetreuung ist ureigenste Aufgabe der Familie, und keine noch so gute Kindertagesstätte kann das ersetzen! Und das nicht nur in Krisenzeiten.

Familien brauchen kein „Gute-Kita-Gesetz“, sondern eine gute Gesellschaft: ein gutes Miteinander der Generationen und gute Arbeitgeber, die es ihnen ermöglichen, Arbeit und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Familien brauchen Wertschätzung für diese wertvolle Zeit mit ihren Kindern, sie brauchen mehr Unterstützung als den „Rechtsanspruch auf mindestens sieben Stunden Betreuung in der Kita“. Unsere Gesellschaft kann sich nur weiterentwickeln, wenn Familien füreinander Verantwortung und Fürsorge tragen können. Sehr viele Eltern haben diese Erfahrung während der Zeit der Kita-Schließung gemacht. Kinder brauchen ihren Platz in der Familie, weil sie als Erwachsene mit diesem Modell unsere Gesellschaft in Zukunft gestalten werden. Ich freue mich, wenn wir unseren Kindergarten wieder öffnen dürfen. Ich freue mich auf die Geschichten der Kinder, die sie zu Hause erlebt haben, und ich bin beeindruckt, wie gut es Müttern und Vätern gelungen ist, diese Zeit mit einem großen Gewinn für die Kinder zu meistern!

Alexandra Reinhard, Leiterin der Kindertagesstätte, Minheim