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Bildung: Nicht zu Ende gedacht

Bildung : Nicht zu Ende gedacht

Zum Artikel „Laptops für alle Lehrer im Land“ (TV vom 24. September) schreibt Jörg Schönenberger:

Alle 40 000 Lehrer und Lehrerinnen im Land sollen Dienstlaptops erhalten. Das Geld dafür kommt vom Bund. Toll, oder!? Ehrlich gesagt, mich ärgert das, obwohl ich als Lehrer im Landesdienst einer der vermeintlichen Profiteure bin. Welcher Lehrer, welche Lehrerin besitzt heute keinen digitalen Arbeitsplatz oder könnte sich einen solchen nicht leisten? In nur wenigen Fällen wird der dienstliche Vorteil den Mehraufwand und die Mehrbelastung der Schulsekretariate und der Kümmerer vor Ort durch Verwaltung, Wartung und Pflege dieser Dienstlaptops aufwiegen. Es ist wie so oft von den Entscheidern nicht zu Ende gedacht, soll aber von den Kümmerern vor Ort zur deren vollsten Zufriedenheit umgesetzt werden.

Schule hat gerade wesentlich vordringlichere Aufgaben als jetzt Geld, materielle und personelle Ressourcen für Dienstlaptops zur Verfügung gestellt zu bekommen. Wenn Politiker mit bildungspolitischem Hintergrund genau hingehört hätten, was der Bedarf an Schule wirklich ist, wäre bestimmt häufig der Begriff der digitalen Infrastruktur gefallen.

Weitaus häufiger wären allerdings ganz andere Bedürfnisse genannt worden, um die Schule zu einem Ort zu machen, in dem man besser lernen kann. Stichwörter: mehr Personal, eine den gesellschaftlichen Veränderungen angepasste Ausbildung der Lehrkräfte, kleinere Lerngruppen, Hilfen und Unterstützungsangebote durch Jugendhilfe und Sozialarbeit direkt an den Schulen, Pflegepersonal et cetera. Hierfür ist seit Jahren kein Geld da, oder viel zu wenig, und wenn, sind die Hürden hoch, um an das Geld zu kommen. Jetzt auf einmal ist die Antwort auf alle bildungspolitischen Fehler das Stichwort Digitalisierung.

Zugegeben, es ist eine wichtige Aufgabe, die Schüler und Schülerinnen auf eine sich immer weiter digitalisierende Welt vorzubereiten und das mit einer technisch guten und einfach zu nutzenden Infrastruktur. Aber es ist ein Hohn, dass als Essenz eines Schulgipfels mit der Elite der deutschen Bildungspolitik in der Corona-Krise ein Geldpaket herauskommt, das Dienstlaptops für alle Lehrer verspricht. Wurde dort von den sozialen Folgen dieser Pandemie und unserem Umgang damit gesprochen? Wurde darüber gesprochen, wurden Lösungen gesucht, wie wir als Schule und als Gesellschaft der Lebenswirklichkeit unserer Schüler begegnen?

Durch die Corona-Krise wurde eine viel weitreichendere Lücke in unserem Schulsystem sichtbar. Schule ist ein wichtiger – vielleicht sogar der wichtigste – gesellschaftliche Sozialraum, in dem junge Menschen gemeinschaftliches Leben lernen, einüben und leben dürfen. Seit Mitte März gibt es etwa an unserer Schule keine wöchentliche Schulvollversammlung mehr, keine klassenübergreifenden Projekte, keine gemeinsame Schulfahrt, eine stark eingeschränkte SV-Arbeit, kein alters- und klassengemischtes Mittagessen, kein Sportfest und auch sonst keine Feste mehr. Diese Gemeinschaftserlebnisse sind so unglaublich wichtig für eine aktive, sinn- und identitätsstiftende Teilhabe an Gesellschaft und Gemeinschaft unserer Kinder. Seit Jahrzehnten schon steigen die sozialen Bedürfnisse bei den Schülern und damit die sozialen Aufgaben und Anforderungen an Schulen. Es mangelt häufig schon an der Erfüllung der Grundbedürfnisse nach Essen, Schlaf und emotionaler Bindung. Es fehlt an kostenlosen Mittagessen und/oder Frühstücksverpflegung, Zugang zu Schreib-, Arbeits- und Unterrichtsmaterial. Es fehlt an Schulsozialarbeitern. Und ganz zum Schluss fehlt es vielleicht dem/r einen oder anderen Kollegen/Kollegin an einem Dienstlaptop.

Jörg Schönenberger, Förderschullehrer, Büdlich