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Zum Artikel "Deutsche Parteien - vom Aussterben bedroht?" (TV vom 30./31. Juli):

Meinung

Abgewürgtes Engagement
Während der Wendemonate in der DDR sah man dort sehr ideenreiche, originelle und individuelle politische Plakate, leicht anarchisch anmutend. Kurz vor dem Ende der DDR tauchten Plakate oder Fahnen von Parteien und Verbänden aus dem Westen auf, an die ich mich noch gut erinnere: genormt, gestanzt, geregelt, also uniform. In dieser Veränderung steckt viel Symbolisches: Im Osten des Landes gab es anfangs basisdemokratischen, aus Eigenwillen heraus angestoßenen Aufbruch und eine Zeit lang entsprechende Umsetzungsmöglichkeiten, wie den Runden Tisch, im Westen waren und sind es die "alten" Parteien als (Volks-)Willensfilter, die ihre Wurzeln in den nachvollziehbaren Absichten der westlichen Siegermächte haben und die schließlich, wie ich es sehe, im Osten das individualistische, leicht anarchische, aber ideenreiche, basisdemokratische Engagement abwürgten. Für uns Westdeutsche vor allem meiner Generation (Jahrgang 1950) waren Parteien-Demokratie und Wohlstand, somit erfahrbare (Konsum-)Freiheiten, fast Synonyme; daher konnten wir recht gut und bequem mit der repräsentativen Demokratie leben. Der Wohlstand begann aber zu bröckeln, und sozial-ökonomische Unsicherheiten nahmen und nehmen besonders seit der Globalisierung zu. Heute trauen immer weniger Menschen, vor allem die davon unmittelbar betroffen sind, Parteipolitikern bzw. den Parteien zu, der kapitalistischen, Unsicherheiten und Ungleichheit erzeugenden, immer totalitärer wirkenden Wirtschaftsdynamik Grenzen zu setzen, sie zu vermenschlichen. Visionen eines bescheideneren, umweltschonenden, gesünderen, dennoch materiell-ökonomische Sicherheit verheißenden, mithin besseren Lebens gelten, trotz der Wahlerfolge der Grünen, weithin als Utopie. Das ist meiner Ansicht nach eine der Hauptursachen der allgemeinen Politikverdrossenheit. Politisches Engagement in genormt, gestanzt, mithin uniform erscheinenden und letztlich hilflos wirkenden Parteien erscheint immer mehr Menschen, besonders konsumverwöhnten oder Wirtschaftskarriere orientierten und individualistisch-egoistischen, langweilig, unbequem und wenig gewinnversprechend. Anderen erscheint es schlichtweg, nicht zuletzt auch durch politisch-ökonomische EU-Vorgaben, als vergeblich. Das sind die Frustrierten, und immer mehr Wahlberechtigte wählen auch nicht mehr. Was kann, was oder wer soll und muss sich ändern? Michael Wilmes, Ralingen