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Politik und Gesellschaft: Pharisäisches Mückenseihen oder: Manche lassen sich tatsächlich impfen, wenn sie an der Reihe sind ...

Politik und Gesellschaft : Pharisäisches Mückenseihen oder: Manche lassen sich tatsächlich impfen, wenn sie an der Reihe sind ...

Zur Berichterstattung über die Corona-Impfungen der Landräte Gregor Eibes und Heinz-Peter Thiel und zum Thema „Vordrängler“ schreiben Pater Felix M. Schandl, Klaus Lay, Bodo Schröder, Stephan Ludwig, Hans Georg Rosar, Werner Stadtfeld, Dr. Peter Fuchs, Karl-Heinz Schneider und Karl-Heinz Vieregge:

Grundsätzlich halte ich es für gut und wichtig, auch über das Thema „vorzeitiger“ Impfungen zu berichten und zu diskutieren. Die derzeit (noch) geltende Priorisierungsfolge starr nach Lebensalter wird in den öffentlichen und politischen Erwägungen ohnehin bereits in Frage gestellt in Richtung auf zügige Impfung auch der Menschen, die beruflich wie auch ehrenamtlich gerade mit (durch Corona selbst oder durch die Lockdown-Maßnahmen) besonders gefährdeten Personenkreisen intensiv zu tun haben, wie etwa Senioren und (Vor-)Erkrankten, aber auch Kindern und Jugendlichen in Kitas, Schulen und diversen Einrichtungen. Dazu gehören für mich auch Personen, die aufgrund ihres Berufes oder eines öffentlichen Amtes viel unmittelbaren Kontakt zu Menschen haben und haben müssen. Manche meiner Kolleginnen und Kollegen in entsprechenden seelsorglichen Bereichen sind daher bereits „legal“ geimpft, und auch ich selbst darf aus diesem Grund in den nächsten Tagen mit dann überzähligem Impfstoff aus einem Seniorenheim geimpft werden.

Das wäre ein weiteres Argument: besser, als Impfstoff unnötig zu vernichten, ist es allemal, auftretende Restbestände schnell und sinnvoll noch zu verimpfen, bevor sie unbrauchbar werden.

Natürlich – und das streitet kein vernünftiger Mensch ab – können halt nicht alle gleichzeitig geimpft werden, und bei einer solch großen zahlenmäßigen Reihung kann und wird es niemals hundertprozentige „Gerechtigkeit“ geben. Auch praktisch ist es nicht organisierbar, Restbestände an Impfstoff aus solchen Einrichtungen per öffentlichen Aufruf zu verimpfen: das dann entstehende Chaos vor und in solchen Einrichtungen kann sich jeder ausmalen!

Drittes Argument: Offensichtlich hat sich keiner der Amtsträger danach gedrängt, vorzeitig geimpft zu werden; es wurde ihnen angeboten, weil sie auch schneller und ohne Aufwand „greifbar“ waren. Dass das auch Fragezeichen hat, streitet niemand ab; allenfalls die Kommunikation dieser Dinge hätte offener, zeitnäher und mutiger erfolgen können – gerade auch, um dieses Thema konstruktiv zu diskutieren!

Viertes und letztes Argument: Geimpfte haben derzeit davon keine Vorteile oder „Privilegien“; auch für sie gelten weiterhin alle AHA- und sonstigen Regelungen. Das betone ich auch in Richtung der anderen Debatten: eben zu „Privilegien“ und „Green Cards“ für bereits geimpfte Personen, die ich eben aus diesem Grund der weiterhin bestehenden Solidarität auch für wenig zielführend halte. Auch Menschen dienliche („Service“) Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe, oder Kultureinrichtungen, die wie die Kirchen und Religionsgemeinschaften gute Konzepte erarbeitet und dafür auch manches investiert haben, könnten ohne deutsche Neiddebatte und pharisäisches „Mückenseihen“ (Matthäus-Evangelium 23,24) beim Impfen „vorgezogen“ (priorisiert) werden. Problematischer wären für mich Menschen, die eine Impfung generell verweigern und damit andere nicht schützen, oder die am liebsten selbst schon gerne an der Reihe wären, sicher oft mit guten Gründen, und jetzt lustvoll mit dem Finger auf andere zeigen.

Pater Felix M. Schandl, Karmelitenkonvent Springiersbach, Bengel

Nein, ich bin auch nicht damit einverstanden, dass Impfdosen vernichtet werden müssen, da sie nicht rechtzeitig verimpft werden können! Aber der Termin, an dem diese Impfdosen in Wittlich überzählig waren, war der 19. Januar, ein ganz normaler Dienstag. Wer war zu diesem Zeitpunkt schon geimpft? Fast niemand.
Ein Anruf im Krankenhaus Wittlich, und in 15 Minuten wären genug Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von dort im Impfzentrum gewesen, Personen, die im direkten Kontakt zu kranken Menschen stehen, etwa die Beschäftigten des Impfzentrums oder des Gesundheitsamts, die in Heime fahren (müssen), Sozialarbeiter oder wer auch immer.
Nein, der Landrat und sein Stab müssen sich opfern, um die Impfdosen vor der Vernichtung zu retten. Wahrscheinlich waren sie die Einzigen, die zufällig ihr Impfbuch dabei hatten.
Aber die Herrschaften aus Wittlich sind ja nicht die einzigen Drängler. Nach und nach kommen immer mehr solch Fälle ans Licht. Da ist ein Bischof mit Mitarbeitern, Ein Arzt, der nicht nur sich, was ich noch verstehen würde, sondern auch seine ganze Familie impfen lässt, ganze Stadträte und wahrscheinlich noch viele andere, die sich Impfungen „erschleichen“. Schwerkranke Personen unter 80 Jahren fallen allerdings durchs Raster. Wenn die „Vordrängler“, egal von wo und mit welcher Begründung, nachher aufgrund ihres Eintrags im Impfpass noch bevorzugt werden, sei es als Besucher von Lokalen, Besucher von Konzerten oder als Urlauber, dann stinkt mir das gewaltig.

Klaus Lay, Reil

Wie schmutzig ist Deutschland schon wieder geworden, wenn Landräte, Bürgermeister und Verwaltungsangestellte sich vorzeitig impfen lassen. Es ist schon eine Unverschämtheit gegenüber 80-Jährigen, Vorerkrankten, Erzieherinnen, Lehrern und anderen wartenden Menschen. Diese Leute glauben eventuell schon immun zu sein, doch die Menschen hier im Land haben Gott sei Dank noch demnächst eine Stimme abzugeben und können sich ohne Spritze immunisieren gegenüber solchen Menschen.

Bodo Schröder, Bitburg

Fehler machen kann jeder. Doch um einen Fehler einzugestehen, braucht man Charakter. Dass der Impfstoff so knapp ist, hat die Politik genauso zu verantworten wie die Mitwirkung an der Impfreihenfolge. Deshalb ist es wichtig, dass die Regeln zu der Reihenfolge konsequent eingehalten werden. Dass sich Politiker wie zum Beispiel Landräte außerhalb dieser Regelung haben impfen lassen, ist nicht nur ein Skandal, sondern zeigt mir, dass es Amtsträger gibt, die sich etwas rausholen, was Ihnen nicht zusteht. Als man die Kanzlerin fragte, wann sie sich impfen lassen werde, sagte sie: „Wenn ich an der Reihe bin.“ Politiker sind an vielen Stellen auch Vorbilder, nicht nur für Erwachsene, sondern vor allem für Jugendliche und Kinder. Was haben sich die Landräte dabei gedacht, sich vorzudrängeln? Den Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen, dass gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten wurden, wäre angebracht gewesen. Als Wiedergutmachung wäre eine Spende für einen wohltätigen Zweck angebracht.

Stephan Ludwig, Wittlich

Dass die beiden Landräte Heinz-Peter Thiel (Kreis Vulkaneifel) und Gregor Eibes (Kreis Bernkastel-Wittlich) im Zusammenhang mit Impfvordränglern genannt werden, das geht doch nicht. Beide sind wichtige Persönlichkeiten in ihren Landkreisen (sogenannte VIPs), gehen mit gutem Beispiel voran und helfen, wo sie können. Beide sind rund um die Uhr, Tag und Nacht im Pandemiebekämpfungseinsatz. Und wenn man dann noch angehalten wird, sich impfen zu lassen, ja was kann man dann noch machen, dann muss man halt in den sauren Apfel beißen und sich impfen lassen. Sicher ist es den beiden sehr schwer gefallen, sich die Spritze geben zu lassen, sie haben sich aber dann letztlich doch dazu durchgerungen. Alles im Dienst für die Allgemeinheit!

Aber es geht auch anders. So gab es auch Mandatsträger, die sich nicht impfen ließen, eben weil sie noch nicht dran waren. Manche warten tatsächlich ab, bis sie an der Reihe sind.

Aber die beiden Landräte sind ja keine Einzelfälle, Oberbürgermeister, Geistliche, darunter auch Bischöfe und Kardinäle, Behördenleiter, Dezernenten, Stadträte, weitere Mandatsträger und und und ... einige auch mit Anhang haben ihre Schutzimpfung erfolgreich hinter sich gebracht, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe waren. Und man hat da schon die tollsten Erklärungen gehört, warum gerade sie geimpft wurden. Einige haben ihr Verhalten hinterfragt, bedauert und sind dann auch zurückgetreten, Alles eine Frage des Charakters, einige haben ihn, andere nicht. 

Die Rechtfertigungen der Landräte sind dünn, sie verweisen auf ihre Wichtigkeit mit Leitungsfunktionen. Fakt ist aber auch, dass sie altersmäßig nicht zur ersten Prioritätengruppe gehörten und deshalb nicht an der Reihe waren. Da gab und gibt es noch ganz andere, die vorher dran wären, etwa Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter, Ärzte, Pflegepersonal, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer und auch das Reinigungspersonal in den Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen und sicher noch viele andere Menschen, die tagtäglich der Gefahr ausgesetzt sind, sich mit dem Virus anzustecken. Im Lichte dieser Erkenntnis ist das Verhalten der beiden Koordinatoren aus den Kreisen Vulkaneifel und Bernkastel-Wittlich mehr als fragwürdig, sie haben sich vorgedrängelt. Das ist erbärmlich, einfach nur erbärmlich!

Hans Georg Rosar, Trier

Landrat Gregor Eibes hat sich in vielfältiger Hinsicht um seinen Landkreis verdient gemacht. Nicht zuletzt durch seine selbstlose Bereitschaft zu einer vorgezogenen Corona-Impfung ist es ihm gelungen, Impfskeptiker zu überzeugen, und Impfgegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Landrat hat eine Ehrung verdient. Aufgrund der angespannten Finanzlage der kommunalen Körperschaften sollte dies allerdings ohne großen finanziellen Aufwand möglich sein. Ich schlage deshalb vor, den Erbeskopf in „Eibeskopf“ umzubenennen. Der Landrat hat ein herausragendes Naturdenkmal innerhalb seines Landkreises, und alljährlich im Winter bietet sich ein besonderes Event an: Der „Eibeskopf-Slalom“ für Kommunal- und Landespolitiker. Das geschmeidige Umfahren von Hindernissen, ohne dabei allzu sehr anzuecken, dürfte für den in Frage kommenden Personenkreis kein Problem darstellen.

Werner Stadtfeld, Manderscheid

Der Rechtfertigungsversuch von Landrat Thiel ist hanebüchen! Es gehört nicht zu seinen Pflichten und Aufgaben, physisch-körperlich-persönlich mit Impflingen, Alten und Kranken in Kontakt zu treten. Im Rahmen zweifellos notwendiger Organisationstätigkeiten kann man sich aber nicht anstecken. Sein Büro ist in Daun, nicht im Impfzentrum Hillesheim. Er hat viel mit Akten und Papier Kontakt, aber nicht mit Kranken! Meines Wissens ist die Viruslast von Papier und Akten nicht ausreichend, um sich mit Corona zu infizieren. Allein die Tatsache, dass er nicht unmittelbar nach der Impfung darüber informiert hat, sondern sich erst „geoutet“ hat, als dies nicht mehr zu verheimlichen war, zeigt mangelnde Sensibilität, Kritikfähigkeit und Loyalität. Er verhält sich nach Gutsherrenart wie schon früher in der Mülldiskussion ohne jegliche politische Sensibilität und Verantwortung. Er ist ein Impf-Vordrängler und Impf-Erschleicher und hat den besonders gefährdeten Menschen der Priorisierungsgruppe 1 eine Impfdosis gestohlen! Dafür sollte der Innenminister ihn zur Rechenschaft ziehen. Als Volksvertreter hat Landrat Thiel seine Nichteignung gezeigt, für sein Abtreten muss er aber nicht mehr sorgen, das haben die Wähler ja bereits bei der letzten Landratswahl getan.

Dr. Peter Fuchs, Daun

Die Landräte Thiel und Eibes verteidigen ihr vorzeitiges Impfen. In dem einen Fall geht es um die „Wichtigkeit in der Leitungs- und Koordinierungsgruppe“, in dem anderen Fall waren die zu „benachrichtigenden Personen aus der Priorisierung noch im Aufbau.“ Beide Argumente sind lächerlich. Sie haben sich, wie auch der Oberbürgermeister von Halle, der Trierer Ordnungsdezernent Schmitt und sogar kirchliche „Würdenträger“, der Augsburger Bischof und sein Generalvikar, einfach vorgedrängt. Es sind wohl offensichtlich wichtige, systemrelevante Personen. Zumindest schätzen sie sich so ein.

Systemrelevant ist derjenige, der am Krankenbett versucht, einem schwer an Covid Erkrankten das Leben zu retten! Die vielen Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen ihren Dienst aufopferungsvoll verrichten, die bei Polizei, Feuerwehr, Kitas und Schulen unter schwierigsten Bedingungen arbeiten! Man hätte unter ihnen leicht welche finden können, die den nicht verbrauchten Impfstoff dringender benötigen. Interessanterweise hat ein anderer Landrat aus der Eifel gesagt, er lasse sich dann impfen, wenn er an der Reihe ist. Dafür gebührt Respekt. Für die anderen gilt: Als Amtsträger hat man eine Vorbildfunktion. Es geht um Glaubwürdigkeit. Der Trierer Dezernent Schmitt hat seinen Fehler eingesehen und ist zurückgetreten. Für die anderen Herren gilt: Es war und es ist einfach nur erbärmlich.

Karl-Heinz Schneider, Kasel

Als 76-jähriger bin ich der Prioritätsgruppe 2 zugeordnet. Seit Samstag ist nun in Rheinland-Pfalz ein riesiger Personenkreis in die Gruppe 1 aufgestiegen. Das hat entgegen der bisherigen politischen und ethischen Absichten zur Folge, dass die über 70-Jährigen nun ohne Aussicht auf Termine und ohne Perspektive abgeschoben sind. Die neue Regelung legitimiert teilweise den Missbrauch durch einige Drängler, die sich eigenmächtig dank der politischen Möglichkeiten nach Gutdünken eine eigene Priorität gegeben haben. Damit nicht genug: Durch den Zusatz „und sonstige“ bei einigen Personengruppen wird der Manipulation Vorschub geleistet. Wie wird nachgewiesen, dass man Sonstige oder Sonstiger ist, und wer prüft das?

Die Situation ist deprimierend und beängstigend für die über 70-Jährigen, die im Fall einer Infektion einen schweren Verlauf oder gar den Tod befürchten müssen. Ganz besonders aber für diejenigen, die über 70 Jahre alt sind und an bedrohlichen Vorerkrankungen leiden. Dazu gehöre ich auch. Warum hat man diese besonders gefährdete Gruppe nicht jetzt der Gruppe 1 zugeordnet? So ist es nach der bisherigen Regelung für über 60-Jährige (Gruppe 3), wenn sie an bedrohlichen Vorerkrankungen leiden, möglich, der Gruppe 2 zugeordnet zu werden. Ich sehe hier eine Lücke zulasten der über 70-Jährigen mit Vorerkrankungen. Es ist offensichtlich, dass Alte beliebig „abgeschoben werden“ können, weil sie nicht die Lobby haben wie die jetzt vorgezogenen Berufsgruppen. Ich vertraue diesbezüglich am ehesten dem Journalismus, politische Entscheidungen zu hinterfragen.

Karl-Heinz Vieregge, Gusterath