Gesellschaft: Religiöse Hassspirale

Gesellschaft : Religiöse Hassspirale

Zur Berichterstattung über den Terroranschlag eines Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle schreibt Manfred Schmitz:

Das Dilemma der Religionen begann, als Homo sapiens verzweifelt nach Antworten auf seine existentiellen Fragen suchte, aber keine fand, weil es objektiv keine gibt. Seine Not war so groß, dass er Antworten erfand. Das war die Geburtsstunde der Religionen.

Es kam, wie es kommen musste: Religionen maßten sich an, Wahrheit zu verkünden, wurden instrumentalisiert und missbraucht, und seit es sie gibt, werden Menschen in religiöser Rechthaberei und fanatischer Strenggläubigkeit verfolgt und umgebracht, so wie jüngst beim Anschlag auf die Synagoge in Halle. Am schlimmsten haben die monotheistischen Religionen die Völker der Erde drangsaliert: Kriege, Kreuzzüge, „Heilige Inquisition“ – ganze Völker wurden zwangsweise „bekehrt“, islamisch motivierter Terror ist allgegenwärtig. Bis heute gelingt es den Religionen, sich zu tabuisieren und sich eine nicht angemessene Bedeutung zuzueignen.

„Le XXIe siècle sera religieux ou ne sera pas“ („Das einundzwanzigste Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein“) ist ein Satz, der dem französischen Schriftsteller und Politiker André Malraux zugeschrieben wird. Er soll ihn in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gesagt haben.

Niemand ahnte damals, was an religiöser Brandstiftung durch den politischen Islam, Al-Qaida, IS, Boko Haram und andere Monster auf uns zukommen würde, und keiner hätte sich einen so perversen Terroranschlag wie Nine Eleven vorstellen können. Ob Charlie Hebdo, Bataclan oder Anschläge auf Weihnachtsmärkte, die religiöse Hassspirale dreht sich immer weiter, und jeder, der ein Flugzeug besteigen will, weiß um die peinlichen Kontrollen, die man über sich ergehen lassen muss. Nichts braucht der Mensch so sehr wie reine, demütige Religion (Religio), die sich nicht deuten, verfassen, missbrauchen, instrumentalisieren lässt, die offene Fragen erträgt. Religio, die spirituelle Bindung an eine allerhöchste Autorität, ist universal, sie braucht weder Kurie, Kalifen noch strenggläubige Frömmler, keine engstirnige Aufteilung der Welt in Gläubige, Ungläubige und Konfessionen, sie schreibt nicht vor, was zu glauben ist, lässt die Gedanken frei sein. Wann endlich wird der aufgeklärte Mensch alle religiösen Gespenster und Tabus entzaubern und in den Abgrund der Geschichte stürzen?

Manfred Schmitz, Flußbach

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