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Royale Momente

FOTO: TV / Klaus Kimmling
Ein Selfie mit Willem-Alexander und Máxima? Dat erzähl ich meine Enkel!

Publikumsmoment. So heißt der Programmpunkt im Protokoll, wenn die Majestäten sich ihren Anhängern zuwenden. Jetzt bitte: winken. Jetzt bitte: lächeln. Jetzt bitte: scherzen.

Bei Willem-Alexander, König der Niederlande, und seiner Gemahlin Máxima mutet das dieser Tage spontan und authentisch an. Vor der Staatskanzlei in Mainz, in Bernkastel-Kues, an der Porta Nigra. Oh, wie schön. Überall gut gelaunte Menschen. Das größte Glück: ein Selfie mit Máxima. Guck mal, die Königin und ich, dat erzähl ich meine Enkel. Bilder für die Ewigkeit.

Was für ein Gegensatz: Als die Bundeskanzlerin kurz zuvor in Trier mit ausgewählten Bürgern über Europa diskutiert, nimmt kaum jemand Notiz. Geschlossene Gesellschaft. Was soll das, schreibt ein Leser, Demokratie hinter verschlossenen Türen? Typisch für unsere Politiker und den Zustand des Landes!

Finde ich nicht, antworte ich. Irgendwie muss so eine Gesprächsrunde ja organisiert werden. Soll Angela Merkel sich auf den Marktplatz stellen und drauflosquatschen? Oder sich, winke-winke, für einen Publikumsmoment positionieren? Nicht ihr Job, nicht ihr Ding.

Anders die Königs, die haben das drauf, die sind Popstars. Was fasziniert die Fans der royalen Volksbelustigung? Warum ergötzen sich kreuzbrave Republikaner an Glanz und Gloria? Woher rührt diese Sehnsucht? Tja, sagen die Erkunder der Psyche: So viel Durcheinander, so viel Wahnwitz, so viel Zukunftsangst in der globalisierten und digitalisierten Welt – die Monarchen wirken auf manche wie ein Gegenbild: eine archaische Institution, die Sinn stiftet, Trost spendet, Orientierung liefert. Strahlend, glitzernd, losgelöst von der jämmerlichen Gegenwart, dem Chaos, den Krisen. Kleine Fluchten. Märchenhaft. Träumen Sie weiter ...

So etwas haben wir hierzulande nicht, so etwas brauchen wir hierzulande nicht. Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten, Grafen, Freiherren – Titel und Privilegien, die in Deutschland vor neunundneunzig Jahren abgeschafft worden sind. Ein für allemal.

Warum berichtet der Volksfreund über den königlichen Besuch üppiger als über den der Kanzlerin? Von nix kommt nix – dem Publikum gefällt’s, es liebt die royalen Momente, den Lesestoff, die bunten Bilder, die hübschen Videos. Weil ... siehe oben.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

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