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Runter vom Olymp, rauf auf den Prüfstand

Runter vom Olymp, rauf auf den Prüfstand

Zum Artikel "Streit im Bistum Trier: Dürfen Priester heiraten" (TV vom 12./13. Februar):

Im Zentrum des Berichtskomplexes steht ein aktuelles, von über 200 Theologen unterzeichnetes Memorandum. Aus dem Lager der Kritiker wurden Aussagen wie "weit vom Glauben der Kirche entfernt" zitiert; zu lesen ist ein Vergleich mit "altem, und vor allem ungenießbarem Käse". Darüber hinaus wird in Diskussionen über diesen Themenkomplex immer wieder mit theologischen - und damit wissenschaftlichen - Wahrheiten "gedroht".

Hierbei sollte man sich mal die Frage stellen, was die Merkmale einer Wissenschaft sind. Eine Wissenschaft ist nicht nur die Summe aus Daten, Fakten, Paradigmen und methodisch korrekten Vorgehensweisen. Eine Wissenschaft muss insbesondere eine permanente kritische Betrachtung und Infragestellung des Wissens, der Paradigmen und Methoden zulassen; sie darf nicht nur das Augenmerk auf die Verifikation ihrer Theorien und Therapien legen, sondern muss auch immer Ansatzpunkte für die Hebel der Falsifikation einbauen und Kritiken ernst nehmen.

Wenn man sich unter diesen Gesichtspunkten die katholische Theologie vor dem Hintergrund des Grundsatzes "Roma locuta, causa finita" (Wenn Rom gesprochen hat, ist der Fall beendet) anschaut, muss man deren Wissenschaftlichkeit in Frage stellen. Wenn dem Vatikan eine Gedankenströmung nicht passt, wird sie par ordre de mufti gekappt, siehe den Entzug der Lehrerlaubnis von Hans Küng und Gotthold Hasenhüttl. Und die Frage, "wer wie weit vom Glauben der Kirche entfernt ist", erscheint in neuem Licht.

Eine Theologie, die Frauen in der Weise diskriminiert, wie es die katholische tut, gehört nicht mehr auf den Olymp der Wissenschaften, sondern dringend auf den Prüfstand. Das Beispiel von Professor Wollbold bestätigt dies: Eine Reha-Klinik wird einem Herzpatienten nicht Säufer- und Völlerei empfehlen, sondern eine der neuen Lebenssituation angepasste Lebensweise und praktische Tipps dazu geben. Genau das tun die Theologen des Memorandums. Ich kann somit der katholischen Kirche nur empfehlen, das besagte Memorandum ernst zu nehmen, sonst bleibt unter Umständen nur "alter, ungenießbarer Käse" übrig, und es besteht die Gefahr von … causa finita!

Hermann Dellwing, Hermeskeil

katholische kirche