Gesundheit: Scheinheilig, fast schon ehrenrührig

Gesundheit : Scheinheilig, fast schon ehrenrührig

Zur Berichterstattung über die Bertelsmann-Studie zur Krankenhausversorgung in Deutschland (TV vom 16. und 17. Juli) schreibt Bernd Libeaux:

Wenn es doch so einfach wäre: 1000 Krankenhäuser in Deutschland schließen und die Versorgung der Patienten wird besser und sicherer. Leider ist es aber nicht so! Es bestreitet wohl niemand ernsthaft, dass die Krankenhausstruktur  Reformbedarf aufweist. Daran haben politische Entscheidungsträger und auch die Krankenkassen ein erhebliches Maß an Mitschuld. Woher kommt denn der in der Studie beklagte Mangel an Personal und Ausstattung? Doch wohl daher, dass die Investitionsförderung, die eine originäre Aufgabe der Bundesländer ist, seit langem unzureichend ist und die Krankenhäuser gezwungen sind, Erlöse aus der Patientenbehandlung, die eigentlich für die Personalausstattung gedacht sind, für Investitionen zweckzuentfremden.

Daher ist es auch scheinheilig und fast schon ehrenrührig, insbesondere kleinen Krankenhäusern pauschal eine schlechtere Qualität vorzuwerfen. Investitionsstau und Fachkräftemangel treffen Krankenhäuser aller Fachrichtungen. Kleine Krankenhäuser können bei einer auskömmlichen Finanzierung sehr wohl die ihnen zugewiesene Funktion auf einem hohen Qualitätsstandard wahrnehmen, die ihnen zugewiesen ist. Nämlich die wohnortnahe Grundversorgung der immer älter werdenden Bevölkerung. Niemand bestreitet, dass spezielle Krankheitsbilder wie Herzinfarkt, Schlaganfall und komplexe Operationen wie die angesprochenen Operationen an der Bauchspeicheldrüse an spezialisierten Zentren behandelt werden sollen und müssen. Aber das geschieht doch schon weitestgehend. Kaum ein Notarzt – und ich war viele Jahre selbst einer – käme auf die Idee, einen Patienten mit Schlaganfall oder einem Herzinfarkt in ein nicht entsprechend ausgestattetes Krankenhaus zu bringen. Dafür gibt es bereits sehr gut aufgestellte Strukturen in Rheinland-Pfalz! Und wo das noch nicht so ist, sind die Krankenhäuser gefordert, solche Verbundstrukturen – auch trägerübergreifend – zu entwickeln, zum Nutzen der Patienten und mit einer von den Betroffenen gesteuerten Planung! Die Rasenmähermethode bringt gar nichts! Die politischen Entscheidungsträger müssen mehr Mut beweisen und es nicht nur „dem Markt“ überlassen, welches Krankenhaus den Veränderungsprozess nicht überlebt.

Wer soll denn im Übrigen die geforderten neuen Großkliniken finanzieren? Wenn die in der Studie erwähnte Uniklinik Köln dann doppelt so viele Patienten behandeln soll, sind massive Investitionen in Neubauten erforderlich. Das vielgerühmte Dänemark hat für derartige Investitionen fast sechs Milliarden Euro in die Hand genommen. Auf deutsche Bevölkerungszahlen umgerechnet, wären das weit über 80 Milliarden Euro! Wo soll dieses Geld herkommen? Dazu sagt die Studie nichts!

Vielleicht wäre die Politik gut beraten, innezuhalten und zusammen mit den Betroffenen gute, sinnvolle und zukunftsfähige Strukturen aufzubauen und nicht blindlings unausgegorenen Konzepten zu folgen!

Bernd Libeaux, Marburger Bund, stellvertr. Bezirksvorsitzender, Trier

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