Gesundheit: Schlag in die Magengrube, Klaps auf den Po

Gesundheit : Schlag in die Magengrube, Klaps auf den Po

Zur Serie „Hauptsache gesund“ schreiben Jörg Wiesenfeldt und Robert Goergen:

Zum Artikel „Ärzte fehlen, Kliniken in Not: Die Zukunft medizinischer Versorgung“ (TV vom 9. September):

Der Volksfreund stellt die Probleme des Gesundheitswesens ausführlich dar: Personal, besonders Ärzte und Pflegekräfte, aber auch Hebammen und Therapeuten fehlen allerorten, Hausärzte finden keine Nachfolger, und kleine Krankenhäuser geraten in existenzielle Probleme, werden teilweise aus betriebswirtschaftlichen Gründen geschlossen. Das, obwohl Deutschland mit weit über elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts so viel Geld für den Gesundheitsbetrieb ausgibt wie nur wenige OECD-Länder.

Die mitgelieferte Analyse ist umfangreich, aber leider nicht ganz vollständig. Ein wesentliches Element, die Hauptursache all der Probleme, fehlt: Vorgeblich zur Stärkung des „Wettbewerbs“, in Wirklichkeit, um privaten Krankenhausträgern Renditechancen zu eröffnen, in der allgemeinen Welle der Marktgläubigkeit der späten 90er Jahre, wurde 2002/2003 ein neues Krankenhausfinanzierungssystem eingeführt. Mit den sogenannten „Diagnosis Related Groups“ (DRG) wurde Preisbildung für einzelne Krankenhausleistungen ermöglicht, sodass bei möglichst niedrigen Kosten (sprich im Idealfall sehr wenig Personal) und hohen „Leistungszahlen“ (so viele Bandscheibenoperationen, Herzkatheter und so weiter wie möglich) schöne Überschüsse erzielt werden können. Das System der DRG-Berechnung basiert auf den durchschnittlichen Kosten der sogenannten „Kalkulationshäuser“ je Fall einer bestimmten Krankheit oder Operation. Wer zu viele Krankenschwestern, MTA oder Logopäden beschäftigt, wird Verluste machen.

Jetzt frage sich einer, warum in Deutschland die Zahl der Pflegenden pro Fall/Bett/Station so niedrig ist wie in keinem anderen westeuropäischen Land; warum die Zahl der Problem-Eingriffe an Wirbelsäulen oder Herzkranzgefäßen in die Höhe schnellt; warum, um die dafür nötigen Kapazitäten vorzuhalten, doppelt so viele Krankenhausbetten je Einwohner betrieben werden wie in Skandinavien, der Schweiz oder Großbritannien. Da die Arbeit getan werden muss und der Arbeitsdruck steigt, gleichzeitig immer dokumentiert werden muss, ist die Arbeitszufriedenheit gering, Personal wandert ab, geht in Teilzeit oder gleich ins Ausland. Für Krankenhausärzte ist der Betrieb, die Versorgung vorrangig, die vielen „Fälle“ müssen aufgenommen, untersucht, operiert und dokumentiert werden. Für eine gründliche, beispielsweise allgemeinmedizinische Ausbildung am Krankenbett bleibt kaum Zeit übrig. Dutzende Mitarbeiter je Klinik, Tausende je Krankenkasse, sind mit „Med.-Controlling“, der Dokumentation und dem Feilschen um jede einzelne Fallpauschale beschäftigt. Bundesweit dürften so circa 10 000 Ärzte und ähnlich viele Krankenschwestern der Patientenversorgung entzogen sein. Die wichtigste Frage im Krankenhaus ist nicht mehr: Haben wir alle Patienten gut versorgt? Sondern: Stimmen die Zahlen?

Für die Patienten hat die Situation Vorteile: Abgesehen vom absurden USA-System (wo nur Privatversicherte davon profitieren) ist nirgendwo auf der Welt der Zugang zu stationären Leistungen so niederschwellig wie in Deutschland, der „mündige Patient“ findet rasch seinen Zugang ins System.

Ob der dafür zu entrichtende Preis – es könnte auch einmal ein Eingriff zu viel vorgenommen oder eine Diagnose falsch gestellt werden und für die schwer betroffenen, nicht so eloquenten Kranken nicht genug Zeit übrig sein – diesen absurden Ressourcen-Einsatz rechtfertigt, bleibt der Weisheit unserer Gesundheitsökonomen, Standesvertreter und Politiker überlassen.

Jörg Wiesenfeldt, Neurologe, Verdi-Betriebsgruppe im Verbundkrankenhaus Wittlich

Zum Artikel „Gesundheitsexperte: Nicht jede kleine Klinik wird überleben“ (TV vom 16. September):

Das deutsche Gesundheitssystem ist gut. Auch die medizinische Versorgung der Menschen in Krankenhäusern ist gut. Egal ob ein Provinz-Krankenhaus irgendwo auf dem Land oder eine Uni-Klinik in einer Großstadt, in jedem Krankenhaus werden Patienten behandelt. Werden Häuser geschlossen, müssen die Patienten sich auf die dann noch vorhandenen Kliniken verteilen. Das Krankenhaus in Neuerburg in der Eifel wurde geschlossen, weil es sich, laut den Rechenexperten, finanziell nicht mehr selbst tragen konnte. Ich sage jetzt mal so: Für Neuerburg war es ein Schlag in die Magengrube, für die Region ein Klaps auf den Po, da die Kliniken in Prüm und Bitburg noch gut zu erreichen sind. Ob und wie gut sich das „neue Haus“ in Neuerburg selbst tragen kann, wird die Zeit zeigen.

Natürlich ist es klar; dass nicht jedes kleine Krankenhaus alle medizinischen Geräte und Spezialisten bereithalten kann. Ein Beinbruch kann überall behandelt werden, eine Herztransplantation dagegen ist nicht überall möglich. Haben aber kleine Kliniken gute Fachbereiche und werden diese oft genutzt, sollte man diese Häuser erhalten, da es für Patienten sonst längere Wartezeiten und weite Wege bedeuten würde. Es gibt ja jetzt schon teilweise lange Wartezeiten bei Fachärzten mit eigener Praxis.

Wir fliegen zum Mond, unterstützen mit viel Geld andere Länder, die sich politisch und finanziell selbst ins Aus geschossen haben, renovieren und reparieren alte, historische Kunstschätze, Schlösser, Denkmäler und schließen dafür Geburtsstationen oder ganze Krankenhäuser, die medizinisch, sozial und menschlich nützlich und sinnvoll sind. Zudem sollte von den Verantwortlichen an die Mitarbeiter gedacht werden, die sich nach der Schließung eines Krankenhauses möglicherweise ohne Arbeit und Geld woanders neu orientieren müssten.

Die Patienten in Krankenhäusern warten jetzt schon manchmal lange auf eine Pflegekraft, wenn sie zum Beispiel – bettlägerig – mal auf die Toilette müssen. Außerdem haben die beiden großen Kliniken in Trier auch nicht den Platz, um sich räumlich unendlich ausdehnen zu können.

Teilen wir alles doch mal anders auf: Die großen Häuser machen die großen und komplizierten Behandlungen, und die kleinen Häuser versorgen die Patienten mit den kleinen Problemen. Dann wäre allen gut geholfen.

Robert Goergen, Oberweis

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