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Tierschutz: Sein oder Nichtsein

Tierschutz : Sein oder Nichtsein

Zum Artikel „Tierwohl hier, weitere Quälerei dort“, zum Kommentar „Das Tierwohl, die Moral und der Markt“ (TV vom 9. November) und zu den Leserbriefen unter der Überschrift „Zack, Hoden ab!“ (TV vom 14. November) schreiben Andreas Steinberg und Gerlinde Lehnen:

Der Leserbrief von Andreas Lindig kann nicht unwidersprochen bleiben, weil er neben vielen Plattitüden gespickt ist von Unwahrheiten.

Es ist falsch, dass die Landwirtschaft die Frist zur Umsetzung des Gesetzes zur schmerzlosen Ferkelkastration ausgesessen hat. Vielmehr haben gerade die Betroffenen erhebliche Anstrengungen und Untersuchungen unternommen, um zum Beispiel die von Herrn Lindig genannten Ebermast und die Immunokastration zu realisieren. Das Ergebnis ist, dass die Märkte für Eberfleisch und immunokastrierte Schweine ausgereizt sind. Mehr, als die Landwirtschaft in diesem Bereich tut, geht nicht. Insofern ist die Aussage von Herrn  Lindig schlichtweg falsch, dass hier noch Alternativen bestünden.

Die Kastration unter Vollnarkose scheidet als Alternative ebenso aus, aus mehreren Gründen:

1. Etwa zehn Prozent der Ferkel überleben die Narkose nicht.

2. Ferkel in dem betreffenden Alter müssen etwa alle halbe Stunde bei der Sau säugen. Durch die Narkose fallen sie bis zu mehreren Stunden aus und verpassen dadurch mehrere lebenswichtige Mahlzeiten. Die Folge kann lebenslanges Kümmern bis hin zum Tod sein.

3. Vollnarkose muss vom Tierarzt ausgeführt werden. Dadurch werden bundesweit mehrere Tausend Tierarztstunden pro Jahr gebunden. Die Tierärzte, die diese Arbeit erledigen könnten, sind einfach nicht vorhanden. Ganz abgesehen von der Frage, wer das bezahlen soll.

4. Die zur Vollnarkose notwendigen Medikamente sind für Schweine derzeit nicht zugelassen. Das ist nicht die Schuld der Schweinehalter, sondern der Politik. Ziel der Fristverlängerung ist auch, Zeit für die Zulassung zu gewinnen.

Dass sich die Bundestierärztekammer und die Tierärztliche Vereinigung gegen die Fristverlängerung aussprechen, verwundert nicht vor dem Hintergrund, dass hier Tierärzte für Hunde, Katzen, Meerschweinchen und vielleicht noch Pferde die Mehrheit darstellen.

Schweinefachtierärzte sehen die Situation ganz anders. Sie befürworten die Fristverlängerung, weil sie gegenwärtig selber keine praktikable Lösung des Problems sehen. Sie bilden in beiden Organisationen jedoch die Minderheit, weil es einer speziellen Zusatzausbildung bedarf, um sich Schweinefachtierarzt nennen zu dürfen.

Natürlich trifft das „ewige“ Argument des Wettbewerbsnachteils zu. So dürfen zum Beispiel die dänischen Schweinehalter ihre Ferkel unter lokaler Betäubung kastrieren; Kosten: circa drei bis vier Euro pro Ferkel. Die Vollnarkose liegt bei sieben bis acht Euro pro Ferkel. Bei Gewinnen in der Schweinemast von zwei bis vier Euro pro Schwein entscheiden diese Unterschiede über Sein oder Nichtsein.

Die Abschaffung der Käfighaltung von Legehennen hat dazu geführt, dass 75 Prozent der Eier, die in Deutschland verzehrt werden, aus dem Ausland kommen, großenteils aus Osteuropa. Und die Frage, wie es den Hennen dort geht, stellt der deutsche Tierschutzverein ganz bewusst nicht.

Zum Schluss noch eins: Die Landwirte kastrieren ihre Ferkel nicht zum Spaß. Sie würden darauf gerne verzichten. Sie müssen das aber tun, weil der Markt das verlangt.

Andreas Steinberg, Seffern

In Sachen Ferkelkastration wird sehr einseitig berichtet. Wir als kleiner Familienbetrieb, der Ferkelaufzucht betreibt, sind keine Agrarfabrik. Ja, es gibt Methoden zur Kastration mit Betäubung.

Wer aber die Artikel darüber aufmerksam liest, stellt fest, dass keine Lösung wirklich zufriedenstellend praktikabel ist.

1. Ebermast und Immunokastration (Impfung zur Hormonunterdrückung): Für uns als Ferkelzüchter ist das unkastrierte Eberferkel die arbeitswirtschaftliche und finanziell günstigste Lösung. Viele Mäster/Schlachter wollen aber keine unkastrierten Eber (Fleisch kann stinken), weil der Markt für Jungeber eine Nische ist und jetzt schon überläuft. Die Wirtschaftlichkeit hat sich durch die neue Tönnies-Ebermaske stark verschlechtert.

2. Inhalationsnarkose mit Isofluran (übrigens noch nicht zugelassen und aus der Humanmedizin verschwunden, weil krebserregend): Diese Form der Bewusstseinsausschaltung (Tiere werden in Rückenlage für einige Minuten in Tiefschlaf versetzt) ist für die betroffenen Tiere hochgradig stressig beziehungsweise quälend. Kritiker befürchten gesundheitliche Risiken für den Anwender des Narkosemittels und verweisen auf dessen immense Klimaschädlichkeit. In den Niederlanden kommt CO2 zum Einsatz. Die Ferkel haben Erstickungs- und Todesangst.

3. Einzelinjektion zur Narkotisierung: Sie bewirkt eine lange Aufwachzeit, in der die Ferkel einige Saugtakte verschlafen und dadurch energetisch unterversorgt sind und auskühlen. Nicht alle Tiere wachen wieder auf. Der Tierarzt muss die Narkose setzen und überwachen. Viele zusätzliche Tierärzte werden gebraucht, von den Kosten nicht zu sprechen.

Unsere Tiere werden bereits jetzt mit einem Schmerzmittel vor der Kastration behandelt. Es fließt kein Blut, anders als oft dargestellt. Der Weg zum Mäster (mit Hofladen) und Schlachthof ist kurz – regionaler geht es nicht. Die Familie lebt seit vielen Generationen von unserem bäuerlichen Betrieb. Nicht nur uns ernährt dieser, sondern statistisch 114 weitere Menschen. Wir gehen sorgsam damit um. Dies wollen wir auch gerne bei der Ferkelkastration tun, um die Tiere bestmöglich zu versorgen. Steigende Kosten und stagnierende Erlöse, Seuchen und Auflagen zeigen uns den Weg in die Zukunft.

Doch jeder sollte sich im Klaren sein, dass Importtiere weite und belastende Transportstrecken über sich ergehen lassen müssen. Diese Tiere werden kastriert unter Bedingungen, die bei uns in Deutschland als unwirksam eingestuft sind.

Leider sind zur Ferkelkastration einige steuerfinanzierte Studien gerade erst initiiert oder Ergebnisse noch nicht veröffentlicht, geschweige denn in eine Handlungsanweisung umgesetzt. Die Lösungssuche geht weiter. Deshalb ist die Fristverlängerung nötig.

Gerlinde Lehnen, Nusbaum