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Gesellschaft: Selig sind die Armen im Geiste, denn ...

Gesellschaft : Selig sind die Armen im Geiste, denn ...

Zum Artikel: „Entspannung durch Achtsamkeit“ ( TV vom 2. Januar) schreibt Karl Mikolai:

Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitskurse gehören heute zum festen Repertoire vieler Weiterbildungseinrichtungen, und für eine große Anzahl von Menschen ist eine meditative Praxis fester Bestandteil ihres Alltags geworden.

Mittlerweile wird auch allgemein anerkannt, welch positive Effekte meditative Übungen für Körper, Seele und Geist haben, und daher ist es kein Wunder, dass meditative Apps in einer Zeit verstärkt nachgefragt werden, in der die Phänomene „Stress“ und „Burnout“ Hochkonjunktur haben und Meditationsprogramme längst in den Chefetagen großer Konzerne angekommen sind. In dem Beitrag wird nun die Frage gestellt, ob Stressabbau mit Hilfe meditativer Apps gelingen kann. Die Autorin spricht in diesem Zusammenhang von Meditationsübungen, die zwischen Frühstück und Arbeitsplatz „erledigt“ werden können, von Atemübungen, die mehr Energie für den restlichen Tag „generieren“, und lässt den interessierten Leser wissen, dass Achtsamkeit auch ohne Smartphones gelingen kann.

Meditations-­Apps bilden somit eine Entwicklung unserer zeitsensiblen Gesellschaft ab, in der die vorhandenen „To-Go-Trends“ (zum Mitnehmen, im Vorbeigehen) um die in dem Artikel erwähnte „Achtsamkeit-To-Go“ erweitert werden; in diesem Sinne sind sie sicherlich auch typisch für eine Leistungsgesellschaft, in der Aktivität, Dynamik und Erfolg wichtige Größen darstellen. Die Frage, ob eine Nutzung solcher Apps dazu beiträgt, Stress abzubauen und so zu mehr innerer Ruhe, Harmonie und Gelassenheit führt, muss jeder Nutzer natürlich für sich selbst entscheiden.

Insgesamt wäre es jedoch wünschenswert, wenn möglichst viele Menschen durch die Praxis meditativer Übungen (mit oder ohne App) zu einer Armut des Geistes oder, wie Meister Eckhart (um 1260-1328) es ausdrückt, zu einem ledigen/bloßen Gemüt gelangen, das Raum schafft für die Erfahrung einer tieferen Dimension der Wirklichkeit.

Karl Mikolai, Föhren