1. Meinung
  2. Leserbriefe

Religion und Gesellschaft: Sichtbare Versöhnung

Religion und Gesellschaft : Sichtbare Versöhnung

Zum Artikel „Die blinde Dame mahnt zum Gedenken“ (TV vom 4. Februar) schreiben Johannes-Metzdorf-Schmithüsen, Dr. Christoph Cluse und Thomas Kupczik:

Wir freuen uns, dass der Volksfreund das Verhältnis des Christentums zum Judentum anhand der Figuren an der Trierer Liebfrauenkirche zum Thema macht.

Erst das Erschrecken über die Untaten der Schoah hat uns Christen die Augen geöffnet für das Unrecht, das über Jahrhunderte von christlichen Kanzeln und Kathedern ausging. Voller Scham müssen wir eingestehen, dass christlicher Antijudaismus schon am Ende des ersten Jahrhunderts beginnt (Johannes-Evangelium und Offenbarung des Johannes) und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sich fortpflanzt. Die Figur an der Liebfrauenkirche zeigt, wie Israel als die enterbte und verstoßene Tochter Gottes dargestellt wurde. Die Figur diffamiert, so wie sie dargestellt ist, sehr wohl die Synagoge. Sie wird als eine dargestellt, von der sich Gott abgewandt hat zugunsten einer neuen „Erwählung“. Das hatte die bekannten Folgen.

Erst Papst Johannes XXIII und die Evangelischen Kirchentage der 1960er Jahre auf der einen Seite und jüdische Gelehrte wie Martin Buber, Pinchas Lapide und Schalom Ben-Chorin auf der anderen Seite beförderten die Versöhnung der beiden Geschwister-Religionen. In Trier findet diese Versöhnung seit fünfzig Jahren einen sichtbaren Niederschlag in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Johannes-Metzdorf-Schmithüsen, Pfr.i.R., Dr. Christoph Cluse, Historiker, Universität Trier, Vorstand der Trierer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V.

Der zunehmende Antisemitismus in unserer Gesellschaft und aktuell in den Verschwörungserzählungen über Corona macht es dringend notwendig, sich auch mit vergangenen Formen von Antijudaismus und Antisemitismus zu beschäftigen. Denn aktuell tauchen immer wieder antisemitische Narrative auf, die eine geschichtliche Wurzel haben. Bereits in den ersten Jahrhunderten beginnt der christliche Antijudaismus und entwickelt sich immer mehr zu einem gewalttätigen Antisemitismus. 1215 wird die Diskriminierung der Juden auf dem IV. Laterankonzil in Rom zum Kirchengesetz. In dieser Zeit entsteht auch die Figur an der Liebfrauenkirche, die Israel als die enterbte und verstoßene Tochter Gottes darstellt. Theologisch soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass sich Gott vom Volk Israel abgewandt habe zugunsten einer neuen „Erwählung“ der Ecclesia. Es handelt sich damit um eine theologische Abwertung der jüdischen Religion, die man als Antijudaismus bezeichnen muss. Dieser war eine Wurzel für die Abwertung der Juden allgemein, die im Mittelalter zu schlimmen antisemitischen Pogromen in Trier führte. Biblisch gesehen bestreitet dagegen der Apostel Paulus, der sich selber als Jude verstand, nicht die Erwählung der Juden durch Gott. Das ist erst eine Irrlehre der folgenden Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Deshalb muss man auch dem ehemaligen Pfarrer von Liebfrauen, Wilhelm Ehlen, widersprechen, wenn er betont, dass „im theologischen Kontext betrachtet der Vorwurf des Antijudaismus oder Antisemitismus auf sein biblisches Maß reduziert“ wird. Das Erschrecken über den millionenfachen Mord an Juden in der Zeit des Nationalsozialismus hat uns Christen die Augen geöffnet für das Unrecht, das über Jahrhunderte von den christlichen Kirchen ausging. Das Eingeständnis des Versagens der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus, die Anerkennung der bleibenden Erwählung des Volkes Israel als das von Gott erwählte durch das II. Vatikanische Konzil förderten die Versöhnung der beiden Geschwister-Religionen.

Es wäre an der Zeit, die Zusammenhänge auf einer dezenten Tafel in dem Feld unter der Portalfigur zu erklären. Der Denkmalschutz sollte dem nicht im Wege stehen.

Thomas Kupczik, Pastoralreferent im
Dekanat Trier, Arbeitsgebiet Interreligiöser
Dialog, Trier