Soziales

Zum Artikel "Urteile und Vorurteile über die Rente und was wirklich stimmt" (TV vom 28. Oktober):

Ich habe nicht schlecht gestaunt zu lesen, dass es überwiegend ehemals Selbstständige sind, die einen erheblich höheren Anteil der Grundsicherungsempfänger ausmachen gegenüber den zuvor Tätigen in Angestellten- und Arbeiterverhältnissen. Wie Stefan Vetter schreibt, hätten "Selbstständige offenbar überdurchschnittlich häufig nicht hinreichend für ihr Alter vorgesorgt". Ich habe schon häufig das Klagelied gehört, das manch ein ehemals Selbstständiger anstimmt, wenn er nach einem langen Arbeitsleben kurz vor dem Ruhestand steht und bei der Rentenversicherung nachfragt, was er an Rente zu erwarten hat und dann erfahren muss, dass er lediglich für die kurze Zeit, in der er vorübergehend in einem abhängigen Arbeitsverhältnis stand und deshalb zwangsläufig in die Rentenkasse einzahlen musste, einen kleinen Rentenanspruch erworben hat. Das ist eben eine langfristige Konsequenz der Bismarck'schen Sozialgesetzgebung vom Ende des 19. Jahrhunderts, als der gemeine Arbeiter - und analog dazu auch der Angestellte - als so unzuverlässig galt, dass er per Gesetz verpflichtet werden musste, für seine alten Tage eine Rücklage zu bilden. Den Beitrag für die Rentenkasse bekam er erst gar nicht auf die Hand, damit er ihn nicht in der ihm unterstellten Verantwortungslosigkeit in der nächsten Kneipe in Bier und Schnaps umsetzen konnte, sondern er wurde - und wird weiter - von seinem Lohn abgezogen und gleich an die Rentenkasse überwiesen. Demgegenüber galten (und gelten) die selbstständig Tätigen als verantwortungsbewusst, bei denen es (wegen des ihnen unterstellten weitblickenden und vorausschauenden Sparens und Investierens) vertretbar war (und ist), die Zwangsabgabe eines gesetzlichen Altersvorsorgebeitrags zu erlassen. So gelten im Prinzip auch heute noch für den Ruhestand die gesellschaftlichen Vorstellungen aus Kaisers Zeiten. Daraus ergibt sich für mich die Frage: Wäre es nicht sinnvoller, auch die Selbstständigen in das System der gesetzlichen Altersvorsorge einzubeziehen - und im Rahmen praktizierter Solidarität natürlich auch die Beamten? Bei einer solchen Verbreiterung der Finanzbasis der Rentenkasse dürften die alljährlichen politischen Diskussionen um die Sicherheit der Renten der Vergangenheit angehören. Mit Interesse werde ich auf die Begründungen der Widerstände gegen ein solches Solidarsystem warten. Im Übrigen kann ich dem Satz "Wer kaum etwas hat, kann auch nicht vorsorgen" voll zustimmen. Raimund Scholzen, Trier