Leserbrief : Jedes Vergehen an einem Kind ist ein Verbrechen

Missbrauchsskandal

Zum Artikel „Katholische Reformer nach gewonnener Abstimmung optimistisch“ (TV vom 7. Februar, online), der auch die Äußerungen von Bischof Rudolf Voderholzer über Kindesmissbrauch bei der Synodalkonferenz thematisiert:

 

Die Worte des Bischofs sind eine Ungeheuerlichkeit und an Menschenverachtung nicht zu überbieten. Jedes Vergehen an einem Kind ist ein Verbrechen! (Anm. der Red.: Voderholzer hatte gesagt, dass eine Strafrechtsreform von 1973 Kindesmissbrauch nicht mehr als Verbrechen gewertet habe „und zwar auf der Basis von sexualwissenschaftlichen Urteilen, die davon ausgehen, dass für die betroffenen Kinder und Jugendlichen die Vernehmungen wesentlich schlimmer sind als die im Grunde harmlosen Missbrauchsfälle“.)

Bei allen nachträglichen Beteuerungen Voderholzers, seine Äußerungen seien falsch interpretiert worden: Es ist nicht das erste Mal, dass der Regensburger Bischof mit derartigen Äußerungen auffällt. Deshalb nehme ich ihm seine Rechtfertigungsversuche nicht ab. Schließlich hat er die Äußerung nicht unüberlegt abgegeben, sondern als Teil eines offensichtlich schriftlich vorbereiteten Redebeitrags vom Computer abgelesen.

Ich bin überzeugt, er hat dies mit voller Absicht getan, um die Diskussion der Synodalversammlung in eine von ihm und weiteren konservativen Kräften gewünschte Richtung zu lenken. Und er bringt dabei das in der Amtskirche immer noch gültige Selbstverständnis von katholischen Priestern zum Ausdruck. Sie sind demnach Wesen, die über allem (weltlichen) Recht und allen anderen Menschen stehen. Um das zu rechtfertigen, hat die Kirche den Zölibat erfunden und Frauen vom Priestertum ausgeschlossen.

Menschliche Verfehlungen kann es nach diesem Verständnis nicht geben, und wenn sie doch bekannt werden sollten, werden sie nach außen vertuscht und innerhalb der Kirche klein gehalten. Nicht geweihten Menschen wird eine Schuld und Unfreiheit unterstellt, die nur mit Hilfe der Priester überwunden werden kann. Dieses Bild hat die katholische Kirche über Jahrhunderte aufrechterhalten. Mit der Botschaft Jesu Christi hat dieses Bild allerdings wenig zu tun!

Im 21. Jahrhundert ist dieses Bild unter aufgeklärten Menschen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Deshalb wird die katholische Kirche daran zugrunde gehen, wenn sie sich nicht schleunigst auf ihre Aufgabe besinnt: die frohe Botschaft Jesu Christi ohne kirchenpolitische Hintergedanken unters Volk zu bringen. Viele Menschen guten Willens, darunter auch viele Priester, sind täglich in der Kirche unterwegs und verkünden die Botschaft im Sinne Jesu. Sie müssen unterstützt werden; sie dürfen nicht in einem Atemzug mit Leuten wie Rudolf Voderholzer genannt werden.