THEATER

Zum Artikel "Nichts ist so ernst, wie es scheint" (TV vom 10. November):

Die Bewertung von Kunst im Allgemeinen und Theateraufführungen im Speziellen muss immer subjektiv sein - es gibt keine allgemein gültigen Maßstäbe, und das Endprodukt entsteht erst im Kopf des Betrachters. Trotzdem hat mich Martin Möllers "Orpheus"-Kritik einschließlich seines Seitenhiebes auf die aktuelle "Carmen"-Inszenierung etwas verstört, sind doch meine diesbezüglichen Theatererlebnisse völlig gegensätzlich. Ich empfand den "Orpheus" in fast allen "kleinen" Passagen (nur zwei bis drei Personen auf der Bühne) als besonders langatmig und zäh; die Szenen mit Chor waren naturgemäß lebhafter, doch bot die Inszenierung rein gar nichts, was man nicht so oder ähnlich schon gesehen hätte. Amüsement können andere besser, und eine aktualitätsbezogene Aussage vermisste ich komplett. Schwach leider auch der Gesang der Solisten - der Ausdruck war beliebig, die Textverständlichkeit tendierte häufig gegen null. Man wünschte sich Übertitel. Ausdrücklich ausnehmen von dieser Kritik muss man allerdings den Chor! Vermutlich waren die doch zahlreichen Theaterbesucher, die nach der Pause der Premiere nicht auf ihre Plätze zurückkehrten, auf der Suche nach "Carmen"-Tickets. Denn diese (von Herrn Möller verschmähte) Inszenierung, die leider nur noch bis Weihnachten läuft und bei jeder Aufführung wahre Jubelstürme auslöst, ist für mich so ziemlich das Gegenteil des "Orpheus": spannend, frisch und unterhaltsam von der ersten bis zur letzten Minute, am Ende tief bewegend - und mit einem überragenden Regiekonzept, das die "Carmen" endlich aus ihrem überkommenen Stierkampfghetto in ein aktualitätsbezogenes Ambiente versetzt und trotzdem (oder deswegen?) vielfältige Einblicke in die menschliche Psyche eröffnet. Dazu sängerische Leistungen, die insbesondere bei Kristina Stanek und Carlos Aguirre, die wahrlich ein Champions-League-Gänsehaut-Feeling aufkommen lassen - um im Sujet der Inszenierung zu bleiben -, während der "Orpheus" leider bestenfalls Bezirksliga war. Groß auch der Unterschied aus dem Orchestergraben: hier ein beliebiger, wenig inspirierender Offenbach, dort mit Victor Puhl am Pult ein prägnanter, pointierter, stets mitreißender Bizet! Schwer zu erraten, was auf meinem nächsten Theaterticket steht … Jürgen Förster, Trier