THEATER

Zu den Leserbriefen "Frustrierend und deprimierend" und zum Intendantenwechsel in Trier (TV vom 9. Juli):

Was hat man in Trier denn erwartet vom Intendantenwechsel? Es gab bezüglich des Theaters in den letzten Jahren nun wahrlich hitzige Diskussionen, radikale Expertenvorschläge und rege Anteilnahme der Bevölkerung. Letztlich hat sich der Stadtrat gegen alle Änderungsvorschläge und für einen weitgehenden Erhalt der bestehenden Strukturen entschieden. Nun hat man in einem erstaunlich offenen Verfahren einen Intendanten von außen nach Trier locken können - will ihm aber das verbieten, was land auf, landab Usus, ja seine ureigene Aufgabe ist: gestalten. Schauspieler sind es eigentlich gewohnt, nur vorübergehend an einem Ort zu wirken. Kunst braucht das Risiko, Kunst ist radikal, Kunst ist nicht demokratisch in einem vulgären Sinn. Das Theater lebt vom Wandel, von der Erneuerung! Dass die Zuschauerzahlen immer nur optimal gewesen wären, kann man nun auch für die vergangenen Jahre in Trier nicht behaupten. Nun wird Herrn Sibelius "Skrupellosigkeit, Undankbarkeit, keinerlei Wertschätzung und eine erschreckende Überheblichkeit" attestiert - auf welcher Grundlage? Herr Sibelius denkt an die Zukunft, denkt an das, was er den Trierern bieten will, möchte anderen Künstlern in Trier Chancen eröffnen. So drückt er seine Wertschätzung gegenüber den Trierer Zuschauern und all den Künstlern aus, die künftig hier tätig sein werden. Ja, Liebe schmerzt, deshalb ist es auch völlig legitim, seinen Schmerz über den Weggang von beliebten Schauspielern auszudrücken. Aber Gemütlichkeit und Provinzialität sind hier fehl am Platz. Und selbstverständlich ist auch die prekäre Lage der Künstler zu bedenken, die ihnen, was die Ortsfestigkeit betrifft, aber bei der Berufswahl schon bekannt gewesen sein muss und die viele von ihnen auch gar nicht als eine solche empfinden. Vor allem aber ist Herrn Sibelius zuzugestehen, seinen Job zu machen in den Grenzen, die ihm ohnehin gesetzt sind, aber auch in den Freiräumen, die ihm zustehen. Freilich ist nicht ausgeschlossen, dass auch Herr Sibelius Fehler macht oder gar scheitert. Aber wie bei jedem anderen Entscheider in der Wirtschaft, der Politik oder anderswo ist die Ermöglichung des Scheiterns die einzige Möglichkeit, Entscheidungsspielräume zu generieren. Johannes Gottwald, Gutweiler