Politik : Tiefer Riss

Zur Berichterstattung über die Lage in den USA schreiben Brigitte Bauer, Horst Schorle und Paul R. Woods:

Zum Leserbrief von Karl-Josef Prüm unter der Überschrift „Mulmiges Gefühl“ (TV vom 16./17. Januar):

Auch ich habe in den letzten Jahren mehrfach aus privaten Gründen die USA bereist. Und China. Ich habe in China viele Fahnen gesehen, aber bei weitem nicht so viele wie in den USA. Bei welchem der beiden Staaten es sich um eine Diktatur handelt, steht für mich allerdings außer Frage. Ich habe auch viele Jahre lang an der Grenze zur Schweiz gelebt. Und verwundert beobachtet, wie viele Schweizer ihre Balkone und Vorgärten mit ihrer Fahne schmücken, besonders am 1. August, dem Nationalfeiertag. Dass die Schweiz eine Diktatur sei, hat meines Wissens noch niemand behauptet.

Ich habe einige amerikanische Freunde, die sehr gut Deutsch verstehen. Würden sie Herrn Prüms Einschätzung, die „Stars and Stripes“ seien „Firlefanz“, zur Kenntnis nehmen, würden sie vielleicht höflich schweigen und nur ironisch die Augenbrauen heben. Vielleicht würden sie mich fragen, warum manche Deutsche sich das Recht herausnehmen, so abfällig über eine Kultur zu reden, die einfach nicht ihren Vorurteilen entspricht. Man müsste blind und taub sein, wollte man den Niedergang des Landes in vielen Bereichen übersehen und die Verantwortung der Regierungen, auch schon vor Trump, und die der Bevölkerung abstreiten. Ich lebe auch lieber in einem Land mit normalerweise funktionierendem Gesundheitswesen trotz aller Mängel. Ich bin froh, dass Wählen bei uns reibungslos möglich ist. Ich habe erlebt, dass Bürokratie in Deutschland das Zusammenleben der Menschen erleichtert. Ich habe noch keinen Grund gesehen, Polizeibeamte zu fürchten, für mich sind sie Freund und Helfer.

In vielen Bereichen des Lebens haben viele Amerikaner andere Werte als ich, als Deutsche, als Europäer. Mit ihrer Außenpolitik bin ich oft nicht einverstanden. Die USA als einen „physischen und psychischen Sanierungsfall“ darzustellen und als einen „Fall für die Couch“ geht aber über eine zulässige Kritik weit hinaus und ist völlig einseitig. Und auch beleidigend.

Übrigens, Herr Prüm, wer hat uns denn von den Nazis befreit und die Demokratie gebracht? Es waren die Amerikaner. Schon vergessen?

Brigitte Bauer, Kenn

Zur Analyse „Wut und Hass haben in den USA tiefe Wurzeln“ (TV vom 15. Januar):

Seit den 1960er Jahren können wir eine tiefe Verunsicherung der Menschen in den USA beobachten. Da waren die brutalen Jahre, in denen rücksichtlos jeder, der eine gerechte und friedliebende Weltanschauung hatte und das Land damit weiterbringen wollte, einfach weggeschossen wurde. Die Vertuschung des McNamara-Reports zum Vietnamkrieg, die daraus folgende Verlogenheit der Johnson- und Nixon-Regierungen kostete fast 60 000 GIs das Leben. Viele Soldaten bezahlten dafür mit ihrer Gesundheit, und Tausende Familien stürzten in ein nicht endendes Trauma. Die Clinton-Administration kehrte sich in den 1990er Jahren von der ursprünglichen Wählerschaft der Demokraten ab und wechselte, wie auch die Regierung unter Schröder hierzulande, die Seiten, um dem Neo-Liberalismus mit seinen immensen sozialen Verwerfungen Tür und Tor zu öffnen. Ich habe in diesen Jahren einige Midwest-Staaten besucht und die fatalen Auswirkungen dieser Politik auf die Menschen mit eigenen Augen gesehen. Unzählige Familien wurden in den Ruin gestürzt, lebten in Blechhütten, versteckt, weil sie sich ihres Elends schämten, während die Wall Street und ihre Akteure ums goldene Kalb tanzten.

Der mit dreisten Lügen gerechtfertigte Krieg gegen den Irak 2003 unter Bush kostete auf beiden Seiten Hunderttausende das Leben. Die Drohnenkriege Obamas, bei denen der Tod unbeteiligter Frauen und Kinder als Kollateralschaden hingenommen wurde, und nicht zuletzt seine Rettung von Banken nach der Finanzkrise auf Kosten der einfachen Bürger hat das über Generationen verlorene Vertrauen in die Politiker und ihre Rechtschaffenheit weiter zerstört. Und dann kam Donald Trump, der gleichfalls nicht als Versöhner, sondern als Spalter auftrat und die geschundene amerikanische Gesellschaft auch nicht einen konnte. Ob dies Joe Biden gelingt, wage ich zu bezweifeln, da eben auch seine Unterstützer nicht gerade über einen versöhnlichen Wortschatz verfügen, wie Hillary Clinton, die Millionen Amerikaner als erbärmlichen Haufen beschimpfte. Der Riss durch die amerikanische Gesellschaft wird so schnell nicht heilen, und es bedarf der aufrichtigen Anstrengung aller, Republikaner und Demokraten, den Bürgern dieses Landes irgendwann in ferner Zukunft inneren Frieden zu schenken.

Horst Schorle, Ingendorf

Zum Artikel „Merkel hält Sperre Trumps bei Twitter für problematisch“ (TV vom 12. Januar):

Ich teile die Ansicht der Bundeskanzlerin zur Sperrung von Konten bei Twitter, Facebook & Co. nicht. Als naheliegendes Beispiel seien der Volksfreund oder andere Druck-Organe genannt, die ja auch nicht jede Leserzuschrift publizieren, sondern eine Auswahl und manchmal auch Kürzungen vornehmen. Außerdem handelt es sich bei den sogenannten sozialen Medien eben nicht um soziale Einrichtungen, die jeden akzeptieren müssen, sondern um privatwirtschaftliche Unternehmen, die das Recht haben, sich ihre Geschäftspartner auszusuchen. Sie erzielen ihren Umsatz durch Werbung, und da scheint es für die Firmen einen Widerspruch zwischen der Profitmaximierung und bestimmten politischen Aussagen zu geben. Oder kritisiert jemand jetzt etwa die Deutsche Bank, weil sie (endlich) ihre Geschäftsbeziehungen zu Donald Trump überprüfte und dann kündigte? Und falls ja – mit welchen Argumenten? Sicher nicht, dass die Deutsche Bank als eine „soziale“ Einrichtung anzusehen wäre.

Paul R. Woods, Neumagen-Dhron