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leserbriefe
Tut etwas gegen die Polarisierung!

Zur Berichterstattung über Asylpolitik und Extremismus und die Krawalle in Chemnitz schreiben Jochen Hirschmann, Ossi Steinmetz, Carl von Lieser und Heinz Erschens:

Groß ist derzeit die Betroffenheit. Betroffen sind die, die Angst um unsere Nation haben. Betroffen sind die, die Angst vor den Nationenschützern haben. Betroffen sind die, die Angst vor Handelskriegen haben. Betroffen sind die, die Angst vor dem sozialen Abstieg vor allem im Alter oder als Familie haben. Betroffen sind die, die immer weitere Entlastungen der Wirtschaft fordern.

Zu welchem politischen Lager gehört man, wenn man keine Grenzen schließen möchte, aber der „Willkommenskultur“ kritisch gegenübersteht? Wenn man Globalisierung als positiv empfindet, wenn sie unter gleichstarken Partnern zum Wohle beider fungiert, statt in Ausbeutung zu münden? Wenn man die Debatten wie „Jung gegen Alt“ oder „Arm gegen Migrant“ als Ablenkungsmanöver empfindet?

Einem Staat, der, angefeuert durch eine neoliberale Doktrin, sich einem Schlankheitswahn unterworfen hat und nun zu einem Gerippe zu verkommen droht, dem droht Ungemach. Den Schlagzeilen der Presse, auch dieser Zeitung, kann man immer mehr Notstände entnehmen, Mangel an Polizisten, Mangel an Pflegepersonal, Mangel an Lehrern, Mangel an Facharbeitern, Mangel an Finanzausstattung der Kommunen, Mangel an …!

Mangel in diesem Ausmaß befeuert in einem Staat die radikalen Ränder, deren Problemlösungen sich in Gewaltausübung und Intoleranz erschöpfen.

Die Lösung dagegen wäre noch mal ein wehrhafter und lenkender Staat, der alle, die in ihm leben und wirken, fordert und fördert und sich Manipulationsversuchen möglichst entzieht. Das kostet Geld, sehr viel Geld! Aber es wäre eine lohnende Investition.

Vielleicht wäre ein erster Schritt, das internationale „Rattenrennen“ um Steuererleichterungen zu beenden und gleichzeitig den Leistungsstarken der Gesellschaft zu verdeutlichen, dass sie für Steuerzahlungen Gegenleistungen vonseiten des Staates erhalten, allen voran Stabilität.

Jochen Hirschmann, Trier-Euren

Für die Tötung eines jungen Mannes in Chemnitz am Rande eines Volksfestes gibt es keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung. Es ist ein Verbrechen, das wir fast täglich in den Medien mit Bestürzung, Wut und Trauer wahrnehmen, in Hamburg, München, Köln und auch in Trier. Das Besondere, das die öffentliche Empörung steigert, ist, dass der Täter ein Flüchtling ist. Diese aufgeheizte Stimmung ist Nährboden für den rechten Mob.

Ein hochgefährliches braunes Netzwerk, ein Zusammenspiel von Pegida und AfD, nutzt alle Negativereignisse im Zusammenhang mit Flüchtlingen, um die begründeten Ängste und Sorgen der Menschen hochzukochen und zur Eskalation zu bringen. Für die Lösung ebenso wichtiger Themen wie Globalisierung, Umwelt, Digitalisierung, Pflege, Gesundheitswesen oder der Rentenfrage scheinen der AfD der Durchblick und die Kompetenz zu fehlen. Eine Partei, in der einige den Holocaust, den Völkermord an sechs Millionen Juden verniedlichen, ja sogar leugnen, die den Antisemitismus, den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit massiv schürt, um Unruhe, Unsicherheit, Sorgen und Ängste zu verbreiten, hat als Volkspartei nichts in unserem Land verloren.

Ossi Steinmetz, Bausendorf

Jetzt rächt es sich, dass der Osten nach dem Krieg nicht ordentlich entnazifiziert worden ist. Offenbar haben viele den Realsozialismus einfach ausgesessen und dachten danach: Jetzt geht es mit dem Dritten Reich weiter. Auch im Westen scheinen Relikte davon erhalten geblieben zu sein. Die AfD gibt sich alle Mühe, sie zu recyceln.

Carl von Lieser, Trier

Populisten spalten die europäischen Nationen. Die einen wollen Europa abschotten und sehnen die überholte Ordnung früherer Nationalstaaten herbei. Die anderen wollen die weltoffene liberale Gesellschaft beibehalten. Rechtspopulistische Demagogen, die unfähig sind, vernünftige Alternativen auf den Tisch zu legen, schüren Hass und Angst gegen Flüchtlinge. In einer brutalen Sprache reden sie dem sogenannten „besorgten Bürger“ eine Islamophobie ein, die Jung und Alt auf die Straße bringt.

Diese Propagandisten haben es leicht, dem Bürger Angst einzujagen, weil durch die Summe der Einzelphänomene wie Niedergang traditioneller Konfessionen, Terror, Migration, aber auch die Polarisierung von Arm und Reich, reichlich Zündstoff vorhanden ist, um der verbalen Hetze Nahrung zu geben. Auf diesem Nährboden der Angst halten viele die Demokratie nicht mehr für die beste Staatsform. Dazu trägt auch eine Politikerkaste bei, die den Unzufriedenen außer Pflichtstatements nichts entgegenzusetzen hat. Man hat kein Instrumentarium, das die Krise beilegen könnte.

Flüchtlinge und Wirtschaftsmigranten sind von der westlichen Welt „hausgemacht“. Der Bogen spannt sich vom kolonialen Missmanagement bis zur heutigen Entwicklungshilfe. Für den Exodus in Nahost und Afrika wurde schon in den fünfziger Jahren der Grundstein gelegt. Jahrzehntelang hat man durch die Entwicklungshilfe keine Demokratien geschaffen, aber genügend Potenzial, um die eigene abzuschaffen. Fehlgeleitetes Kapital hat willfährige Potentaten mit ihren Sippen unermesslich reich gemacht. Niemand der dort Herrschenden hat die Gelder zweckgebunden in Infrastruktur, Bildung und Arbeit eingesetzt, sondern meist aufs eigene Konto umgeleitet. Es rächt sich heute, dass dieser Korruption in der Kolonial- und Nachkriegszeit kein Einhalt geboten wurde. Eine Folge sind die heutigen Fluchtursachen.

Reflexartig, bar jeder Selbstkritik, werden in Europa keine abendländischen Werte verteidigt, sondern nur Geld, Vermögen und Sicherheit. Solange der Bürger das Gefühl hat, Wirtschaftsmigranten und Flüchtlinge seien gegenüber Hartz-IV-Empfängern, Rentnern, Witwen und prekär beschäftigten Arbeitnehmern finanziell besser gestellt, wird der Rechtspopulismus goldenen Boden haben. Es besteht die Gefahr, dass irgendwann die Welle der Gewalt auch auf die sogenannten Gutmenschen überschwappt.

Heinz Erschens, Kell am See