1. Meinung
  2. Leserbriefe

Überall ist Hollywood: Sexismus im Alltag.

Gesellschaft : Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Zur Berichterstattung über die Sexismus-Debatte äußern sich die Leser Hans-Gerd Hamacher und Michael Wilmes:

Sollte da etwa – aufmüpfiger Gedanke – eine gewisse lustvolle Rache im Spiel sein? Rache für alles, was Männerherrschaft, dieses ganze böse Patriarchat schon immer, seit frau denken kann, der hehren Weiblichkeit angetan hat?

Jetzt wird aufgeräumt! Jawoll, gnädige Frau! Haben Sie Geduld! Nur noch ein paar paar Jährchen, dann wird die Technik so weit sein, dann gibt es den Männer-Gedanken-Scanner für das Smartphone. Schon rein gedankliche sexuelle Übergriffigkeiten können dann aufgespürt und gerichtsverwertbar dokumentiert werden!

Dabei sollte unnachgiebig den Anfängen gewehrt werden! Männer reagieren bereits auf lange Haare und schöne gesunde Haut, weil dies guten Stoffwechsel und, gemäß ihrem uralten Bio-Programm, Schwangerschafts-Tauglichkeit signalisiert. Welch eine Abwertung der Frau! Schlimmer noch, sie reagieren auf geschminkte Lippen, zumal wenn mit Nass-Stift betont, weil Männer selbige – es ist empörend – gemäß ihrem Ur-Programm, unterbewusst für ein Abbild von Schamlippen in momentaner, biologischer Bereitschaft halten! Da sieht man es doch! Diese Unholde! Da muss sich was ändern! Männer gehören abgeschafft! Jawoll, Gnädigste! Ganz wie Sie meinen! Wir geloben Besserung!

Hans-Gerd Hamacher, Newel

„… und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt …“ Und die Gewalt kommt vielfältig daher: durch das Schwert des siegreichen Kriegers, der sich alles vom Besiegten nimmt, was ihm gefällt, und das sind nicht zuletzt die Frauen: „… dass unsere siegreichen Legionäre sich jeder zwei oder drei Weiber als Sklavinnen nehmen können …“ (Zitat eines römischen Historikers, gefunden in „Paläste und Katakomben“, Heyne Lebendige Weltgeschichte); sie kommt durch die Kalaschnikow triebgeladener, hasserfüllter und zusätzlich aufgehetzter Soldaten, die sich die Frauen der Besiegten als Beute nehmen, oder durch die Rückendeckung einer übermächtigen Armee, die es zu erlauben scheint, dass auch Soldatinnen hilflose Gefangene erniedrigen. Oder durch bigotte Vertreter vermeintlich gottgefälliger Auftraggeber. Oder durch die Finanzmacht arroganter Produzenten. Oder durch die Einflussmacht selbstgerechter Politiker und so weiter und so fort.

Und immer sind es zwei Hauptantriebe allgemein menschlichen(!) Tuns: Sexualität und Macht. Sexualität wird man nicht so ohne weiteres verbannen können, was auch nicht wünschenswert ist, aber unter (Selbst-)Kontrolle stellen – und Macht? Sie ist notwendig, um etwas „machen“ zu können.

Die Frage ist allerdings täglich neu zu beantworten: was? Und vor allem: wie? Menschenrechtliche und friedenstiftende Leitlinien gibt es zuhauf, sie werden aber auch in einer aufgeklärten, menschenrechtsorientierten und weltoffenen Gesellschaft nur allzu oft über den Haufen geworfen.

Verschweigen, wie es Praxis ist – früher noch mehr als heute, ist nicht nur dumm, sondern letztlich schädlich für beide: Opfer und Täter. Und beides sind wir alle, mal mehr dieser, mal mehr jenes. Es ist zu begrüßen, dass das Verschweigen und Schweigen überhaupt gebrochen wird. Es muss nicht unbedingt ein „Shitstorm“ sein, der ist eher feige zu nennen und zeugt von Hilflosigkeit.

Zum Umgang mit Macht gibt es eine Formel: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Kritisch beobachtende, nachhakende Medien tun das eine, klare rechtliche und konsequent eingeforderte Regeln das andere.

Noch besser ist es, das Selbstbewusstsein potenzieller Opfer zu stärken. Das beginnt schon in der Familie.

Übrigens: Der eingangs zitierte Satz stammt aus Goethes „Erlkönig“, dort ist das Opfer ein Knabe.

Michael Wilmes, Ralingen-Wintersdorf