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Und er küsste sie auf den …

Und er küsste sie auf den …

Wir laden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zum Dialog ein. Sagen Sie uns Ihre Meinung! Das Motto: Leser fragen - die Chefredaktion antwortet.

Michael Hülpes aus Hermeskeil schreibt: Sehr geehrter Herr Reinhart, als Germanist und früherer Deutschlehrer habe ich mich schon immer - unter anderem auch mit meinen Schülern im Unterricht - mit journalistischen Texten befasst. Zunächst ein großes Kompliment zu Ihrer samstäglichen Kolumne, in der Sie sich sehr profund, entsprechende Leserzuschriften aufgreifend, mit sprachlichen, presserechtlichen und presse-"ethischen" Problemen auseinandersetzen. Meist gelingt es Ihnen, Ihre redaktionellen Entscheidungen plausibel zu erklären, kulturhistorische, rechtliche und sonstige Hintergründe auszuleuchten und das Einverständnis Ihrer Leser zu gewinnen.

Ich möchte zu zwei Rubriken des TV kritisch Stellung nehmen:

1. Gewinner/Verlierer-Rubrik im Wirtschaftsteil und Boulevardteil: Es fällt auf, dass diese Sparte häufig krampfhaft mit relativ nebensächlichen Meldungen gefüllt wird. Den Betroffenen wird so ganz schnell, häufig mit einer inhaltlich schwachen, meist nur kurzzeitig zutreffenden Aussage das Gewinner- beziehungsweise Verlierer-Etikett angeheftet.

Dem Leser wird zwar eine schnelle Informationsaufnahme ermöglicht, gleichzeitig wird aber auch einem vereinfachenden Schwarz-Weiß-Denken Vorschub geleistet: Es gibt nur noch Gewinner oder Verlierer in unserer Gesellschaft, und um nur ja nicht bei den "Losern" zu sein, müssen alle Anstrengungen unternommen werden - gegebenenfalls auch der Einsatz der Ellenbogen!?

Ich halte diese Art der Berichterstattung für bedenklich und eines seriösen Organs für nicht würdig. Ich weiß, auch der TV kann sich als am Lesermarkt agierendes Produkt dem vorherrschenden Boulevardisierungstrend nicht ganz entziehen. Selbstverständlich möchte ich auch nicht der ausschließlichen Darstellung von positiven Ereignissen das Wort reden! Diese Darstellungsweise ist meiner Meinung nach im Interesse einer objektiven und dennoch rezipientenorientierten Information über das reale Geschehen entbehrlich.

2. [... bleibt noch geheim!]

Lieber Herr Hülpes,

vielen Dank für Ihr Schreiben, das zu lang ist, um es komplett abzudrucken - aber so interessant, dass ich nichts weglassen möchte. Ich gehe diesmal auf Teil eins ein und in der kommenden Woche auf den zweiten Part.

Zur Rubrik "Gewinner/Verlierer": Die Qualität der kurzen Beiträge ist, ähem, ausbaufähig, da gibt es nichts zu deuteln. Mitunter wirken die Nachrichten an den Haaren herbeigezogen, bisweilen lapidar. Wir arbeiten daran.

Warum überhaupt diese Rubrik? Die Idee, die dahintersteckt, bewährt sich seit Jahrtausenden: Die Welt ist unübersichtlich, das Wissen türmt sich - also versucht der Mensch, die Dinge zu vereinfachen, zu ordnen, zu sortieren, um sie besser zu begreifen, um sie zu entschlüsseln.

Ein Beispiel: Gerade hat Umberto Eco, der italienische Großschriftsteller ("Der Name der Rose"), ein neues Buch herausgebracht. Es heißt "Die unendliche Liste". Eco sagt: Alle großen Dichter haben das, was ihnen wichtig war, katalogisiert, sie haben Verzeichnisse und Rangordnungen erstellt. Von Homers Aufzählung der Schiffe und Helden in der "Ilias" über die Heiligen-Register des Mittelalters zur Liste des Krempels in der Küchenschublade von Leopold Bloom, dem Protagonisten in James Joyce' Meisterwerk "Ulysses".

Listen, Listen, Listen. In den modernen Massenmedien finden sich solche Tabellarien seit jeher als Stilform. Börsen, Bundesliga, Bestseller sind die Klassiker. Auffällig: Je mehr Informationen auf dem Markt sind (im Zeitalter des Internets unbegrenzt!), umso stärker die Nachfrage. Denken Sie nur an die Kaskade von Ranglisten-Shows, die seit etwa einem Jahrzehnt die Fernsehzuschauer berieselt. Die größten Deutschen, die schönsten Popsongs, die schlimmsten Verbrecher.

Der Reiz dieses Formats, neben dem erwähnten Grundbedürfnis, die komplexe Welt zu ordnen: Derlei ist unterhaltsam - und polarisiert, sorgt für Gesprächsstoff.

Unter all den Listen ist die Zuspitzung auf Gewinner und Verlierer die radikalste. Und die älteste. Seit Menschengedenken bilden wir Gegensatzpaare: das Gute und das Böse, Gott und Teufel, These und Antithese, Yin und Yang, positiv und negativ, wahr und unwahr und so weiter.

Ein Beispiel aus dem Altertum: Bei den Olympischen Spielen der Antike ehrte man die Sieger mit einem Kranz aus Olivenzweigen, das Volk feierte und verherrlichte sie, bis an ihr Lebensende hatten sie ausgesorgt. Alle weiteren Wettbewerber: gefallen, gescheitert, gebrandmarkt, auf Schleichwegen verkrümelten sie sich in ihre Heimatdörfer.

Hosianna oder kreuzigt ihn, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen - das bipolare Denken und Handeln ist wohl irgendwo in den menschlichen Genen angelegt. Es ist uns eigen, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich dieses Verhaltensmuster in den Medien unserer Tage spiegelt.

Halten wir fest: Es gibt plausible Gründe für die journalistische Aufbereitung von Nachrichten im Listen- oder, noch pointierter, im Gewinner/Verlierer-Modus. Sie geben Orientierung, sie informieren, sie amüsieren. Allerdings nur, wenn sie handwerklich gut gemacht sind.

Lieber Herr Hülpes, im nächsten Forum geht es um Ihre zweite Frage, die - ich verrate den anderen Lesern noch nichts - ebenso spannend ist.

Neugierig geworden? So soll es sein. Früher, als die Zeitungen noch täglich neue Sequenzen eines Romans druckten, galt als ideale Schlussformel ein Satz wie dieser: "Und er küsste sie auf den … Fortsetzung folgt." Na, wohin küsste er sie wohl?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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