Unsicherer Kostgänger

Zum Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine:

Wie endlich der Streit zwischen Russland und der Ukraine um einen neuen Liefervertrag, neue Preise fürs Gas und höhere Transitgebühren ausgehen mag - der Buhmann ist nicht in Moskau zu finden, sondern in Kiew. Dass nun wieder westliche Politiker und etliche Medien den "schlimmen" Russen vorwerfen, die Energielieferungen politisch zu instrumentalisieren, ist zwar im Ergebnis richtig, tut gleichwohl nichts zu Sache. Denn die ukrainischen Muskelspiele entstanden ebenfalls aus nichts anderem als politischen Gründen: nicht enden wollenden Machtkämpfen zwischen Regierung und Opposition und innerhalb des Machtapparates zwischen Präsident und Premierministerin. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Für uns als EU-Bürger entsteht neuerlich die Frage, welcher Spleen unsere politische Klasse reitet, die - komme was da wolle - die Ukraine nicht nur gemäß US-Befehl in die Nato, sondern auch noch in die Europäische Union holen will.

Das Desaster mit dem verschlagenen Ober-Georgier Saakaschwili sollte Europa noch in den Knochen stecken, der erst grundlos Tschinwali beschießen musste, ehe westliche Staatsmänner konstatierten, welch' "Demokraten" sie da an Land ziehen wollten.

Die Ukraine aber ist ein zerrissenes Land, lehrte schon der kürzlich verstorbene US-Politologe Samuel P. Huntington. Der westliche Teil des Landes strebt in der Tat mehrheitlich nach Westen (in die EU, nicht unbedingt in die Nato), und der ostwärtige wünscht sich mit großer Mehrheit engen Anschluss an Russland. Die Bevölkerung der Ost-Ukraine besteht (in den Städten) zu 80 Prozent aus ethnischen Russen, deren Vorfahren im Rahmen der Russifizierung der Sowjetunion für die Umsiedlung in die Ukraine gewonnen wurden. Präsident Juschtschenko aber, der mit finanzieller US-Hilfe den Stuhl des Staatschefs erklomm, nachdem sich sein ungeschickter Gegenspieler Janukowitsch beim Wahlbetrug hatte erwischen lassen, will auf Biegen und Brechen weg von Russland, hin in die EU und in die Nato. Wir sollten uns fragen: Was nützt uns das? Ein weiterer unsicherer Kostgänger, der auf Jahre und mehr der EU auf der Tasche liegen wird?

Vielleicht sollten wir damit warten, bis die Ukrainer sich in Weisheit einen Präsidenten mit politischem Instinkt erkoren haben, der die Russen nicht vor den Kopf stößt, wenn er schon seine Gasrechnung nicht begleichen kann! Was später mal kommen mag, ist eine ganz andere Frage.

Wolf-Rüdiger Wulf, Trier

konflikte