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Zum Artikel "Tschüss, Harald!" (TV vom 29. März):

Die Tage der Harald-Schmidt-Show sind gezählt. Sat.1 beweist sich einmal mehr als Friedhof der Stars. Schmidt ist Schmidt, ob man ihn mag oder nicht, er ist in der deutschen Fernsehbranche einzigartig. Von 1995 bis 2003 war er der Late-Night-König von Deutschland, Liebling der Feuilletons. Er heimste Preise ein und durfte fast alles machen. Seine Sendungen waren nach der Rückkehr zu Sat.1 im September 2011 von Beginn an wieder auf einem hohen Niveau. Er knüpfte da an, wo er 2003 bei dem Sender aufgehört hatte. Harald Schmidt war wieder zynisch wie zu allerbesten Zeiten. Messerscharf waren viele seiner Bemerkungen und Aktionen zum Zeitgeschehen. Seine "Playmobil-Aktionen", mit denen er historische Ereignisse auf eine etwas andere Art und Weise erklärte, waren einzigartig. Auch seine Gästeliste hatte es in sich. Vom Klassikstar über ein Horn-Ensemble bis hin zu den "Ärzten" war alles vertreten. Vor kurzem saß MTV-Ikone Ray Cokes in der Sendung. Es war eine Sternstunde der Unterhaltung. Harald Schmidt unterhielt sich mit ihm auf Englisch, dann mal ganz nebenbei auf Französisch, um Augenblicke später wieder ins Englische zu wechseln. Andere deutsche Moderatoren können sich noch nicht mal in ihrer eigenen Sprache richtig artikulieren. Letztendlich war das alles wohl zu hoch für das breite Fernsehpublikum. Markus Lanz hat parallel zu Schmidt fast eine Million Zuschauer mehr. Doch Harald Schmidt war und ist noch nie ein Mann für die Mitte gewesen. Deshalb wechselte er einst "in die Nacht". Dort konnte er sich austoben und zeigen, wie Fernsehen auch gehen kann. Was hat sich Sat.1 bei seiner Rückkehr bloß gedacht? Dass er der neue Quotengarant wird? Das war Schmidt auch zu seinen besten Zeiten nie. Er machte auch zu seinen Glanzzeiten im Prinzip "Nischenfernsehen". Die Konkurrenz ist allerdings härter geworden. Neben Lanz gibt es inzwischen viele "Spät-Talker", richtig gute Quoten sind eher selten, fragen Sie mal Reinhold Beckmann. Viele potenzielle Schmidt-Fans warten bei dem seichten Vorprogramm von Sat.1 auch nicht, bis Harald Schmidt um 23:15 Uhr die Fernsehbühne betritt. Das hätte der Sender wissen können, wissen müssen. Harald Schmidt polarisiert. Entweder man mag oder man mag ihn nicht. Doch mit ihm geht das letzte bisschen bissige und intelligente Fernsehunterhaltung. Thomas Fickinger, Trier

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