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Bildung: Verbreitete Naivität

Bildung : Verbreitete Naivität

Zum Artikel „Schulen dürfen doch US-Software nutzen“ (TV vom 4. März) schreibt Dr. Andreas Wagner:

Die Lernplattform Moodle hat keine sehr gute Presse zurzeit. In Teilen ist die Kritik nachvollziehbar: Dass das System nach den Weihnachtsferien erst einmal in die Knie ging, war ärgerlich. Wartungsarbeiten behindern am Wochenende den Betrieb, und in Spitzenzeiten wackelt es noch immer ab und an. Das kann niemand abstreiten. Dass die Oberfläche nicht so intuitiv ist wie bei der kommerziellen Konkurrenz, stimmt auch ganz offensichtlich. Dies kann jedoch auch als Vorteil gesehen werden, zwingt es doch Kinder und Jugendliche dazu, planvoller und systematischer mit dem Medium umzugehen, was kein Schaden sein kann, wenn man vor Augen hat, dass in sehr vielen beruflichen Kontexten noch immer Programme zum Einsatz kommen, die nicht auf Anhieb direkt handhabbar sind. Sich in die „Denkweise“ der Maschinen einzuarbeiten, ist auch eine Zukunftskompetenz. Sehr problematisch an der derzeitigen Diskussion sehe ich die verbreitete Naivität in Datenschutzfragen. An jedem Tag Fernunterricht hinterlässt jeder Online-Schüler eine riesige Menge an Daten, die zumindest zum Teil extrem aufschlussreich sein können für diejenigen, die ohnehin schon diesem „Gold“ hinterherlaufen. Der Einsatz von KI schafft es vielleicht heute noch nicht, den Big-Data-Berg komplett zu durchforsten, aber lange wird es vermutlich nicht mehr dauern, bis Maschinen auch sehr Persönliches aus den Lernergebnissen lesen können, was bis heute eigentlich aus gutem Grund in einem schulischen „Schutzraum“ verblieb. Diesen gilt es auch in Pandemiezeiten zu erhalten, zum Beispiel durch den Einsatz von nichtkommerzieller Technik.

Mit großem Befremden lese ich im Trierischen Volksfreund, dass „Jens Brück, Chef der Frankfurter Denkfabrik 1st ThinkTank, (...) kommerzielle Programme für sicherer hält als Moodle“. Wer ist dieser Herr Brück? Woher bezieht er seine Expertise in dieser Frage? Wie kommt der Trierische Volksfreund auf die Idee, in dieser Angelegenheit ausgerechnet ihn zu befragen? Was für Ziele verfolgt eigentlich der Think Tank, für den er arbeitet? Ein Blick auf die Homepage offenbart weder, was dort eigentlich so alles gedacht wird, noch wer diese Denkfabrik betreibt und zu welchen Zielen. Der TV aber präsentiert Herrn Brück, als sei er ein anerkannter Experte, als sei es gar nicht nötig, diese Fragen zu stellen.

Dr. Andreas Wagner, Trier