Verflüchtigt

Zum Artikel "Grünes Licht für Antikenfestspiele" (TV vom 1. Juli):

Über das Wohin sollen andere orakeln. Die neuen Opern-Vorschläge weisen zumindest in eine gute Richtung. Nur: Aus welchen Gründen auch immer den Schwerpunkt auf das Amphitheater als Ort zu verlegen, halte ich für einen folgenschweren Fehler. Der "Genius loci" hat sich in diesem Ambiente schon lange verflüchtigt. Da hat manches Stadion in Trier mehr Charme. Krach-Events liegen hier richtig. Wofür spielt man draußen, wenn man trotzdem teure und bombastische Bühnenkulissen braucht?

Die Kaiserthermen haben alles, was man sich wünschen kann. Der Porta-Nigra-Vorplatz - genial. Der Innenhof des Kurfürstlichen Palais in seiner fantastischen Mischung von Antike und Barock ist prädestiniert für fast alle Opern von Händel, Monteverdi, Gluck und anderen.

Ich habe mein Theaterleben 1973 mit "Titus" von Mozart in den Kaiserthermen begonnen und viele musikalische Freilichtaufführungen als Assistent und Inspizient betreut.

Obwohl es einen Sturm im Wasserglas heraufbeschwört, kann ich mich einer grundsätzlichen Erkenntnis nicht verschließen: Unser ganzes Opern-Repertoire, geschrieben für geschlossene Theater, ist keineswegs für die Unwägbarkeiten des Draußen geeignet.

Wie viel Kostbarkeiten des Gesanges und des Orchesterspiels gehen verloren. Ist unsere ganze Freilicht-"Kultur" nur die Kehrseite wachsender Unmusikalität bis in die höchsten Spitzen der Verantwortlichen? Events fürs Banausentum, das schon lange verlernt hat, Kunstwerke wirklich zu erleben? Vermarktung für die von der großen Sinnentleerung waidwund geschossenen Seelen?

Bevor nicht in den Schulen den musischen Fächern mehr Gewicht (und Geld) zugestanden wird, sind Events nur Feigenblätter, die die Hohlheit kapitalistischer Lebensentwürfe nur mühsam überdeckt.

Cui bono?

Hans-Dieter Schmitt, Trier

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