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Verführerische Augenblicke

Verführerische Augenblicke

Wir laden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zum Dialog ein. Sagen Sie uns Ihre Meinung! Das Motto: Leser fragen - die Chefredaktion antwortet.

 Männer ohne Oberstübchen, Damen ohne Unterleib – und umgekehrt: Leser Hans-Erich Hahmann hat Volksfreund-Beispiele mit kreativ geschnittenen Fotos gesammelt. TV-Foto: Klaus Kimmling
Männer ohne Oberstübchen, Damen ohne Unterleib – und umgekehrt: Leser Hans-Erich Hahmann hat Volksfreund-Beispiele mit kreativ geschnittenen Fotos gesammelt. TV-Foto: Klaus Kimmling

Hans-Erich Hahmann aus Trier schreibt: Beim Studium des Trierischen Volksfreunds fällt mir seit geraumer Zeit auf, dass die dort abgebildeten Personen und Persönlichkeiten meistens recht gewaltsam um einen wichtigen Teil ihres Erscheinungsbildes beraubt werden: Der Kopf, der doch immerhin die bedeutungsvollsten Körperzonen und -inhalte in meist recht ansprechendem Habitus beherbergt, wird gewaltsam verstümmelt, indem man einfach den obersten Teil amputiert - obwohl in den meisten Fällen dafür keine Notwendigkeit besteht, das ganze Erscheinungsbild des Dargestellten würde bestimmt die textlichen Ausführungen in der Anlage würdig vervollkommnen!

Ganz extrem erscheint die Verstümmelung im Titelbild der Volksfreund-Ausgabe vom 25. Februar: Margot Käßmann wurde regelrecht Gewalt angetan. Vielleicht werden sich in absehbarer Zeit die von Ihnen dargestellten Personen in ihrer ganzen Größe und Würde dem Leser präsentieren können.

Lieber Herr Hahmann,

vielen Dank für Ihren humorigen Brief nebst umfangreicher Sammlung von Zeitungsausschnitten. Mit den Fotos im Volksfreund ist es wie mit den Wortbeiträgen: Sie werden nicht einfach wie Schnappschüsse ins Familien album geklebt, sondern sorgfältig ausgewählt, bearbeitet, auf das Wesentliche reduziert und bei der Planung und Gestaltung von Seiten dramaturgisch angeordnet - wenn Sie so wollen: komponiert und inszeniert. Warum?

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es im Volksmund. Die Wissenschaft bestätigt: Bilder und Farben reizen unsere Sinne, erst dann konzentrieren wir uns auf das Schwarz-Weiß der kleinen Buchstaben - Erkenntnisse der Wahrnehmungs-Psychologie, die für Medienmacher höchst bedeutsam sind. Wolf Schneider und Paul-Josef Raue erklären im Standardwerk "Handbuch des Journalismus", was die Leser tun, wenn sie eine Zeitung aufschlagen:

Sie schauen sich zuerst das große Bild an, gleichgültig, wo es auf der Seite steht.

Vom Bild wandern die Blicke zur Bildunterschrift: Sie ist der erste Text, der auf einer Seite gelesen wird.

Erst jetzt kommt die Überschrift des Seiten-Aufmachers in den Blick, falls nicht ein zweites großes Foto auf der gegenüberliegenden Seite oder ein Farbblock die Sinne noch mehr reizen.

Bilder wecken Emotionen, sie rufen Gefühle hervor, sie ziehen die Leser in Texte hinein. Das wissen Redakteure, und deshalb legen sie großen Wert darauf, keine langweiligen Illustrationen auszuwählen, sondern spannende, ungewöhnliche Motive. Sie schneiden alles Beiläufige ab, verzichten auf überflüssige Details - mit dem Ziel, den Betrachter zu fesseln und ihn zum Lesen zu verführen.

Nun lässt sich trefflich über die Auswahl und den Schnitt von Fotos streiten, genauso wie über die Schreibe oder den Inhalt einzelner Artikel. Dem einen gefällt's, dem anderen nicht.

Machen Sie doch mal den Selbsttest: Wie ist das, wenn Sie den Volksfreund durchblättern? Wo bleibt Ihr Blick hängen? An Gruppenfotos, auf denen Dutzende Menschen unbewegt in Reih' und Glied stehen? An Bildern, die vor Einzelheiten nur so wimmeln und bei denen Sie nicht auf Anhieb erkennen, um welches Thema es geht? Oder an "Augenfängern", die Sie magisch anlocken, weil sie eine Emotion auslösen?

Ein begeistertes "Hast-du-das-gesehen!" bei einem spektakulären Sportbild, ein entrüstetes "Wie-kann-man-nur!" bei einem Porträt von Frau Käßmann, das nur das Wichtigste zeigt: ihr Gesicht, ihre verkniffene Mimik, die alles über ihren gerade verkündeten Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche verrät.

Erst die Konzentration auf das Wesentliche lässt Bilder leben; der mitunter kühne Schnitt, die besondere Präsentation verwandeln nichtssagende Aufnahmen in sprechende Bilder, die Geschichten erzählen - auf den Punkt gebracht, ohne schmückendes Beiwerk.

Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende!

Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur

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