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Landwirtschaft: Verhängnisvolle Gier

Landwirtschaft : Verhängnisvolle Gier

Zur Berichterstattung über die Proteste der Landwirte schreibt Gertrud Maus:

Nein, Bauern werden nicht von der Gesellschaft diskriminiert. Sie diskriminieren sich gegenseitig selber. Und das ist nicht neu. Schon in meiner Kindheit, wenige Jahre nach dem Krieg, lernte ich, was „kleine“ und was „dicke“ Bauern sind.

Kleine Bauern hatten höchstens fünf  Kühe, ein paar Mastferkel, Hühner, etwas Land und ernährten davon die Mehrgenerationenfamilie. Dicke Bauern hatten zehn bis zwanzig Kühe, Ferkelsäue, mehr Land, Wald, einen Stier und manchmal ein Pferd. Vielleicht waren sie auch noch Viehhändler oder betrieben eine Gaststätte. Die ersten Veränderungen im Aufbau der Landwirtschaft begannen Mitte der 50er und in den 60er Jahren. Wer sich einen Traktor leisten konnte, Land von Kleinbauern, die damals schon aufgaben, kaufen oder pachten konnte, den nannte man schon dicken Bauern. Sie bauten größere Ställe, siedelten sogar aus, wenn der Jungbauer die richtige Frau gefunden hatte. Dort, wo vielleicht durch den Krieg kein Nachkomme war, bemühte man sich um „Beisatz“: Knechte oder Mägde, die natürlich von einem Bauernhof kamen. Während die Folgegeneration der kleinen Bauern auch Familien gründeten, suchten die Jungväter oft Arbeit in den Städten in Nordrhein-Westfalen, meist ohne Berufsausbildung. Das deutsche Wirtschaftswunder entstand. Die Frauen blieben auf dem Land und kümmerten sich um Kinder, Eltern, oft auch noch Onkel und Tante, lebten vom Ertrag aus dem Nutzgarten.

Die dicken Bauern wurden schnell größer, während kleinere aufgaben. Noch war genug Grund und Boden vorhanden. Aber mit den ersten Biogasanlagen wuchs die Gier rasant. Jedoch fehlt jetzt Ackerland, um die Biogasanlage zu füttern. Ja, sie frisst sogar unsere Nahrung! Also muss man über neue Pflanzen wie Mais den Ertrag steigern. Gleichzeitig freut man sich heimlich über jeden Betrieb, der dicht macht, was auch geschieht. Die Ställe und Viehherden werden schneller größer, als man es überschaut. Angetrieben von Fördermitteln in nie dagewesener Dimension wächst die Gier. Nur die Nutzflächen werden nicht größer. Nach Biogas kommen die Windmühlen. Da kann man noch mehr Geld verdienen. Aber nur die Landbesitzer. Wieder toll subventioniert. Und jetzt? Mit Solarfeldern ist mehr Geld zu verdienen als mit der Milchviehhaltung. Also hört der dicke Bauer auf, investiert in Solarenergie und diskriminiert nun seine eigene Berufsklientel. Denn das Land, das er benötigt, muss er den verbliebenen Bauern streitig machen. Ackerland wird zum Spielball. Siehe Südeifel. Schnell erkennt man die Wendehälse. Da nützen auch die Mahnfeuer und,  noch schlimmer, die grünen Kreuze in den Feldern nichts. Sie sollen uns Verbraucher einschüchtern.

Anerkennung will ich ausdrücklich den Landwirten schenken, die ihren Stand wirklich als Ernährer der Menschen und Pfleger der Natur verstehen. Es gibt sie. Sie sind nur leise!

Gertrud Maus, Üttfeld