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Meinung
Vermischung richtiger Aussagen mit höchst fragwürdigen Argumentationen

Zum Leserbrief von Stefan Hujber zum Thema Ganztagsschule (TV vom 3. März) schreibt Andreas Wagner:

Zum Leserbrief von Stefan Hujber zum Thema Ganztagsschule (TV vom 3. März):

Herr Hujber macht sich in seinem Leserbrief für Ganztagsschulen stark, vermischt dabei aber richtige Aussagen mit höchst fragwürdigen Argumentationen: Es ist richtig, dass Ganztagsschulen (GTS) beiden Elternteilen Berufstätigkeit ermöglichen. Keineswegs ausgemacht ist jedoch, dass dies die Aufgabe des Staates sei, noch weniger, dass diese Aufgabe sinnvollerweise den Schulen zu übertragen sei. Es gäbe durchaus Alternativen: Hort, Tageseltern, dezentrale Lösungen auf Elternbasis usw. Richtig ist, dass Ganztagsschulen vergleichsweise billige Investitionen des Staates sind, da ein Teil des Geldes als Steuern oder Sozialabgaben wieder zurückfließt, wenn die Beschäftigung steigt. Leider, so muss man aber sagen, ist die GTS noch viel billiger, denn seit der Jahrtausendwende stagnieren laut Statistischem Bundesamt die Pro-Kopf-Bildungsausgaben in Deutschland. Geht man von circa 30-prozentigen Mehrkosten für einen GTS-Platz aus und einer Quote von zurzeit etwa 30 Prozent, kann man überschlägig mit einem Anteil von knapp zehn Prozent der Pro-Kopf-Bildungsausgaben bei Schulkindern rechnen, der heute in die GTS-Betreuung fließt. Dieses Geld ist aber nicht zur Verfügung gestellt worden. Es wurde quasi innerhalb des Systems Schule durch verschiedene Einsparungen erwirtschaftet. Insofern schadet der Ausbau der GTS im Endeffekt der Unterrichtsqualität – an Halb- wie an Ganztagsschulen.

Richtig ist auch, dass OECD-Bildungsdirektor Schleicher verbesserte Chancengleichheit in Deutschland bemerkt haben will. Die Behauptung Schleichers, die verbesserten Ergebnisse seien ein Erfolg der GTS, entbehren jeglicher empirischer Grundlage, sie sind reine Vermutung und als solche auch formuliert. Eigentlich müsste Schleicher es besser wissen, schließlich ist das Pisa-Konsortium ja personell eng mit der sogenannten SteG-Studie verflochten, die seit Jahren versucht, empirische Beweise für den Nutzen der GTS herbeizuschaffen, damit aber stetig scheitert. So wurde nolens volens herausgefunden, dass Ganztagsschulen keine verbesserten Schulleistungen zeitigen, soziale Benachteiligungen nicht auszugleichen vermögen und die Schulzufriedenheit nicht steigern.

Die meisten Medien (der TV eingeschlossen) sind gewohnt, Politikern auf den Zahn zu fühlen, die Aussagen selbsternannter Bildungsinstitute werden hingegen ungeprüft verbreitet. Eine Organisation, die den Begriff der Teilhabe so gerne im Munde führt, unterstellt bestimmten Bevölkerungsgruppen anhand spezifischer statistischer Items, dass sie negativen Einfluss auf ihre eigenen Kinder ausüben und dass der Staat dem mit Ganztagsbetreuung vorbeugen soll. Mich wundert es nicht, wenn sich diese Gruppen nicht mehr zugehörig und entmündigt fühlen und politisch abdriften.

Andreas Wagner, Trier