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Vielleicht doch eine Alternative

Vielleicht doch eine Alternative

Soziales

Zum Interview "Das österreichische System ist kein Vorbild für Deutschland" (TV vom 10./11. Juni):
Aus Sicht des sogenannten Wirtschaftsexperten Bert Rürup ist das österreichische System also kein Vorbild für Deutschland. Dazu sollte man wissen, dass Rürup jahrelang als Berater beim Finanzdienstleister AWD auf der Gehaltsliste stand und sich als treibende Kraft für die zunehmende Privatisierung sozialer Absicherung einen Namen gemacht hat. Rürup war Vorstand der Maschmeyer Rürup AG (im Jahr 2013 aufgelöst) und wollte das deutsche Rentenmodell, gestützt auf zusätzliche private Vorsorge, weltweit vermarkten. Finanzdienstleister sind aber keine Gruppierungen von barmherzigen Samaritern, sondern Firmen, die primär den eigenen Gewinn verfolgen und nicht die gerechte, soziale und auskömmliche Rente. Auch wenn das österreichische Modell im internationalen Vergleich teurer ist, ist es natürlich eine Alternative angesichts der drohenden Altersarmut. Der solidarische Gedanke, dass alle in ein solches Modell, auch Beamte, Selbstständige und Politiker, einzahlen, ist doch nicht von der Hand zu weisen. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung hat zum Ergebnis, dass die Durchschnittsrente in Österreich 2015 für den langjährig versicherten Mann bei 1560 Euro lag, und das 14-mal pro Jahr. Im Vergleich dazu bekommt der deutsche Rentner, bei gleicher Leistung und Beitragsdauer, circa 1050 Euro monatlich. Ein wesentlicher Unterschied, oder?
Aus meiner Sicht ist dieses österreichische Modell vielleicht doch ein Vorbild für das deutsche Rentensystem und die Meinung des früheren AWD-Beraters Rürup eher als Beitrag für die eigenen Interessen zu bewerten.
Jürgen Teusch
Wittlich

Bert Rürup, Mitschöpfer der neoliberalen "Rentenreformen" der Schröder-Fischer-Regierung, preist die deutsche Mischung von umlagefinanzierter und kapitalgedeckter Rente als ökonomisch vorteilhaft an und kritisiert das ausschließlich umlagefinanzierte österreichische Rentensystem als zu teuer und nicht "zukunftsorientiert". Tatsächlich geht es den österreichischen Rentnern besser: Ihre Renten sind deutlich höher, bei gleichem Lohn vor Renteneintritt und gleichem Beitragszeitraum gut 800 Euro mehr als in Deutschland. Dass in Deutschland die Renten nach der Lohnentwicklung angepasst werden und in Österreich nach der Verbraucherpreisentwicklung, kann diesen Vorsprung nicht ausgleichen, zumal nicht bei nur wenig steigenden Nominallöhnen und sogar sinkenden Reallöhnen und erst recht nicht bei weiter sinkendem Rentenniveau. Dabei zahlen österreichische Lohnabhängige nur einen etwas höheren Rentenversicherungsbeitrag (10,25 Prozent) als deutsche (9,35 Prozent), die österreichischen Arbeitgeber aber 12,55 Prozent für ihre Beschäftigten; zusammen sind das 22,8 Prozent, was fast genau dem deutschen Gesamtbeitrag (18,7 Prozent) + vier Prozent Riester-Beitrag entspricht. Das österreichische gesetzliche Rentensystem ist stabil, das deutsche unsicher, und die von Herrn Rürup gepriesene private Rentenversicherung hat sich weitgehend als Flop erwiesen - nicht für die Versicherungsanbieter natürlich, aber für die Versicherten. Private Rentenversicherungen haben in Österreich keine große Bedeutung, was Herrn Rürup nicht gefallen dürfte. Die österreichische Wirtschaft wächst stärker, was auch an der Binnennachfrage, unter anderem wegen der höheren Renten, liegt.
Robert Seidenath
Gusterath