1. Meinung
  2. Leserbriefe

Vier Syrer im Prümer Schwimmbad

Vier Syrer im Prümer Schwimmbad

Neulich sagt jemand zu mir: "Ich fühle mich nicht mehr sicher in meinem Deutschland. Wenn Ausländer in mein Geschäft kommen, bekomme ich richtig Angst.

"
Ich wundere mich und schweige, weil ich weiß, dass nun alles, was ich sage, nicht wirklich verstanden werde würde. Ja, so geht es mir in letzter Zeit öfter. Ich schweige. Dabei würde ich gerne mal kundtun, was mir wirklich durch den Kopf geht. Erneut denke ich über die Worte nach und frage mich, was die Person wohl mit "meinem Deutschland" meinen könnte.
Was ist mit dieser Unsicherheit? Ich fühle sie einfach nicht. Bin ich naiv?
Dann sehe ich kürzlich ein Video, in dem ein Syrer mitten im Kriegsgebiet seiner Hilfslosigkeit freien Lauf lässt. "Wohin sollen wir gehen? Wo ist die Welt?", schreit er in die Kamera. Mir stehen die Tränen in den Augen. Ich kann es mir nicht bis zum Schluss anschauen.
Als ich am selben Nachmittag ins Schwimmbad fahre, sehe ich vier junge Männer. Wahrscheinlich aus Syrien. Einen davon hatte ich schon mal gesehen. Er war mir durch sein charmantes Lächeln aufgefallen. Ich nehme mit ihnen Blickkontakt auf. Sie lächeln, ich lächle zurürck. Und mir fällt das Video wieder ein, welches ich zuvor gesehen hatte. Ich finde auf die Frage "Wo ist die Welt?" plötzlich eine Antwort:
Hier. Ich bin es. Ein Teil dieser Welt. Vielleicht ein kleiner, aber ich bin einer. Und auch ich kann etwas tun.
Und so fasse ich all meinen Mut zusammen und frage einen der Männer: "Sprichst du Deutsch?" "Arabisch", erwidert er. Ich lache, er auch. "English?", frage ich weiter. "A little bit". "Oh, me too."
Irgendwann stehen alle vier um mich herum. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen. Mein Englisch ist schlecht. Aber wir verstehen das Wichtigste. Sie sind vor drei Monaten geflohen. Vier Männer, zwei Frauen. Sechs Geschwister im Alter zwischen zwanzig und dreißig. Zwei davon verheiratet, mit Kindern. Sie wohnen alle zusammen in einer kleinen Wohnung, dennoch scheinen sie glücklich zu sein. Einer sagt ständig: "I love Germany, Germany is good."
Während unserer Unterhaltung sagt irgendwann einer zu mir: "I love you." Ich versuch ihm zu erklären, dass seine Frau da sicher etwas dagegen hätte. Wir einigen uns dann amüsiert auf "I like you." Der Satz ändert sich vielleicht, aber die dankbaren leuchtenden Augen bleiben.
Anschließend denke ich mir: Wieso habe ich ihm eigentlich "I love you" ausreden wollen? Die Liebe ist allgegenwärtig. Es ist nicht die Liebe zwischen Mann und Frau. Sondern zwischen Mensch und Mensch.
Meine Gedanken laufen die ganze Zeit auf Hochtouren. Meine eigenen Probleme werden immer unwichtiger. Als ich im Gespräch frage, ob die ganze Familie hier sei, sagt einer: "Yes, nobody died." Der Satz geht tief. Im Schwimmbad fallen meine wässrigen Augen nicht auf. Aber ich bin berührt.
Die Verständigung ist holprig, dafür lachen wir viel. Es ist lustig, nicht dieselbe Sprache zu sprechen und mit den ulkigsten Handzeichen weiterkommen zu wollen.
Am Abend ist ein Treffen: "Hoffnungslicht für Syrien". Da haben wir uns verabredet. Und wieder begrüßen wir uns unter hundert Menschen mit einem Lächeln. Es regnet, ich habe einen kleinen Schirm. Aber genug Platz, um einen der vier mit darunter zu nehmen.
Dann fällt mir etwas auf. Wir haben die Brücke der Verständigung bereits geschlagen. Eine Sprache, die überall gleich ist. Es fing damit an, und es endet damit: Wir lachen gemeinsam.
Einer der Brüder schreibt mir seine Handynummer auf. Ich solle mal die Familie besuchen kommen. Als ich anderen davon erzähle, höre ich: "Sei vorsichtig!", und wieder frage ich mich: Bin ich zu gutgläubig? Muss ich wirklich aufpassen? Worauf denn eigentlich genau? Ich verwerfe die Fragen wieder, weil ich keine Antworten finde.
Ich frage mich, wieso das Empfinden so unterschiedlich ist. Wenn der Glaube an den Frieden stark genug ist, kann es dann sein, dass Angst und Unsicherheit keinen Platz haben?
Ich habe jedenfalls eins für mich verstanden: Ich bin ein Teil dieser Welt.
Ich bin ein Mensch, genauso wie der Flüchtling auch. Ja, wir sind alle Menschen. Egal, welcher Nation oder Hautfarbe. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Frieden zusammen leben können.