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leserbriefe
Völlig absurd

Zum Leserbrief „Leider sehr einseitig“ (TV vom 5. September) schreibt Dr. Daniel Henzgen:

In meiner geäußerten Kritik an den im Landesglücksspielgesetz ab 2021 festgeschriebenen Mindestabständen kommt keineswegs die grundsätzliche Ablehnung des Gesetzes durch einen Glücksspiel­anbieter zum Ausdruck. Löwen Entertainment als eines der größten deutschen Glücksspielunternehmen ist ausdrücklich an einer in sich stimmigen und effektiven staatlichen Glücksspielregulierung interessiert. Das sozial sensible Unterhaltungsprodukt Glücksspiel verlangt aber nach an suchtwissenschaftlichen Erkenntnissen und nicht an Alarmismus orientierten Regeln.

Das von Eva Heitkötter und Sarah Adam angedeutete epidemiologische Suchtmodell, das von einem negativen Zusammenspiel von Faktoren des Spielers, seiner Umwelt und dem Glücksspiel selbst ausgeht, macht klar, dass dieser Entstehungsprozess komplex ist. Betrachtet man dazu die Ergebnisse der seit 2007 regelmäßig durchgeführten epidemiologischen Untersuchungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Bezug auf die Häufigkeit (Prävalenz) von Glücksspielstörungen in der deutschen Bevölkerung, wird erkennbar, dass es sich um ein sehr seltenes Phänomen handelt. Die Wissenschaftler kommen zu der Erkenntnis, dass weniger als 0,4 Prozent (!) der deutschen Bevölkerung eine derartige Störung aufweisen. Zum Vergleich: Alkoholabhängigkeit ist mit rund 3,4 Prozent fast zehnmal so häufig. Und dennoch kommt niemand auf die Idee, dort von einer Epidemie zu sprechen, die radikales staatliches Handeln rechtfertigt. Niemand misst Abstände von Restaurants oder Supermärkten zu Jugendeinrichtungen oder legt diese fest. Sie wären – wie im Fall des Glücksspiels auch – sinnfrei. Denn weltweit existieren keine empirischen Erkenntnisse zu den Wirkungen von Abständen von Glücksspielstandorten zueinander, zu Kinder- und Jugendeinrichtungen oder zu irgendeiner anderen menschlichen Populationsstruktur.

Dass daher auch der Gesetzgeber keinerlei empirische Anhaltspunkte für eine sinnvolle Regelung hatte, wird bei Betrachtung der jeweiligen Vorgaben deutlich: Je nach Landesgesetz variieren diese Abstände zwischen 100 und 500 Metern. Begründungen für das jeweilige Maß enthält keine einzige dieser gesetzlichen Vorgaben.

Stattdessen gibt es in Deutschland einen funktionierenden Jugendschutz, der den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu Spielhallen wirkungsvoll unterbindet. Im Internet stoßen Kinder und Jugendliche dagegen besonders auf für sie interessanten Portalen auf Werbung für Online-Glücksspiel­angebote. Solange es keine funktionierende Regulierung dieser Angebote gibt – und das meint kein Verbot – wird sich daran nichts ändern. Unter diesen Rahmenbedingungen das schon immer legale, sehr gut kontrollierte und staatlich konzessionierte Spielhallen-Angebot mit suchtpräventiv fragwürdigen Abstandsregelungen zu minimieren, ist völlig absurd.

Dr. Daniel Henzgen, Bevollmächtigter der Geschäftsführung für Politik und Außenbeziehungen, Löwen Entertainment, Bingen