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Bildung: Vom Wiegen wird die Kuh nicht fett

Bildung : Vom Wiegen wird die Kuh nicht fett

Zum Artikel „Ohne Sprachtest keine Einschulung?“ (TV vom 27. November) schreibt Margit Frohm:

„Vom Wiegen wird die Kuh nicht fett“, unter dieser Überschrift erschien vor vielen Jahren ein Artikel für Erzieher und Erzieherinnen in einer Fachzeitschrift. Dieser Satz ist wohl treffender als das von Christian Baldauf angeführte Sprichwort: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Ein Sprachtest im Alter von vier Jahren wird vom Spitzenkandidaten der CDU gefordert, aber wir erfahren nicht, was die Konsequenz dieses Sprachtests sein wird. „Ohne Sprachtest keine Einschulung?“ fragt der Volksfreund, und wir Fachkräfte in der Kita fragen uns, wer die Sprachtests vornehmen soll und wer die Startergruppen für den Übergang in die Schule übernimmt.

In den letzten Jahren gab es als Fördermaßnahme noch flächendeckend „Sprachförderung“ in den Kitas. Diese Sprachförderung läuft mit dem Schuljahr 2020/21 aus und soll dann im Personalschlüssel enthalten sein. So will es das neue Kita-Gesetz. Schon jetzt beklagen wir in den Kitas einen eklatanten Fachkräftemangel und die Fachkraft-Kind-Relation ist immer noch zu niedrig, zu viele Kinder teilen sich eine Bezugsperson. Die Lehrer der Grundschule beklagen sich darüber, dass die „Kinder nicht mehr so vorbereitet sind“ und dass ihnen „sehr viele zusätzliche Aufgaben aufgedrückt“ worden seien.

Es ist Aufgabe der Schule, die Kinder individuell zu fördern. Die Kindertagesstätte hat einen anderen Bildungsauftrag, als Kinder auf die Schule vorzubereiten und auch uns Erzieherinnen sind in den letzten Jahren viele zusätzliche Aufgaben aufgedrückt worden. (Unter-Dreijährige, Über-Mittag-Betreuung, Inklusion …)

Sprachförderung in der Kita findet alltagsintegriert statt: beim Mittagessen, beim Wickeln, im täglichen Umgang. Das kann gelingen, denn die Fachkräfte sind mit ihrer Ausbildung gut darauf vorbereitet, aber angesichts der großen Gruppen (25 Kinder zwischen drei und sechs Jahren in der Regelgruppe), der Lautstärke (wir essen mit 21 Kindern im Gruppenraum) und der hohen Personalfluktuation, unter der auch die Beziehungsarbeit leidet, ist das wirklich schwierig. Wann habe ich mal Zeit, gemütlich mit einem Kind ein Bilderbuch zu lesen?

Wer wirkliche Reformen in der Kita einleiten will, der sollte uns mal besuchen und dann – mit uns gemeinsam – ein Konzept erarbeiten, das an einer verbesserten Fachkraft-Kind-Relation ansetzt, Fortbildungen für Fachkräfte ermöglicht, Vorbereitungszeiten garantiert und Fachkräfte generiert. Wir laden Herrn Baldauf herzlich ein, in unserer Kita zu hospitieren. Natürlich nicht zu einem Besuch, sondern zur Mitarbeit im Gruppendienst!

Margit Frohm, Wintrich, Leitung der Kita Köwerich-Ensch