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Umwelt: Von Gleichheit keine Spur

Umwelt : Von Gleichheit keine Spur

Zum Artikel „Die Umwelt bewegt die Gesellschaft“ (TV vom 19./20. Januar) schreibt Michael Wilmes:

„Die Umwelt bewegt die Gesellschaft“ – Gott sei Dank! Besonders die unter Dreißigjährigen bewegen sich. Nicht alle, manche können oder wollen das nicht. Das war schon zu meiner Jugendzeit so, 1968 und später. Ging es damals im weitesten Sinne um Nazi-Vergangenheitsbewältigung und eine angstfreie Gegenwart, so heute um eine lebenswerte, ja überlebensfähige Zukunft. Was haben sich unsere Großeltern und Urgroßeltern und deren Eltern nicht alles erhofft von der Aufklärung und dem technischen Fortschritt! „Freiheit“, „Gleichheit“, „Brüderlichkeit“ (lies: „Mitmenschlichkeit“) stehen seit 1789 als Leitmotive der „entwickelten“ Gesellschaften Europas und Nordamerikas als Fundament nahezu aller Betätigungen – auf dem Papier! Und seit Mitte des 18. Jahrhunderts begann der technische Fortschritt in Europa, in England vor allem – erst langsam, dann immer schneller, bis er heute rasant geworden ist und das weltweit.

Er birgt und zeigt Lebensverbesserungen, aber auch furchtbare Gefahren, von der möglichen Selbstvernichtung der Menschheit ganz zu schweigen. Das ist das zweite große Thema neben der Umweltbedrohung, sollte es sein – die Menschheitsbedrohung, die Bedrohung der Mitwelt, das heißt der Mitmenschlichkeit! Wer sich bewusst umsieht, der entdeckt riesige Lücken zwischen dem Anspruch der Leitmotive von 1789 und der Wirklichkeit: Freiheit ist vor allem ökonomische Freiheit, die gebraucht, nicht selten missbraucht wird, um rücksichtslos eigene Interessen durchzusetzen – Afrikaner zum Beispiel können ein Lied davon singen. Nahezu alle Industriemächte und ihre Konzerne bereichern sich auf Kosten dieser und anderer „unterentwickelten“ Weltgegenden unter Mithilfe der dortigen gewalttätigen Eliten: die USA, die EU, mittlerweile auch China. Das ist die Freiheit der Mächtigen und von Gleichheit keine Spur!

Auch hierzulande wird Freiheit in erster Linie ökonomisch buchstabiert: Freiheit der Produktivkräfte und des Konsums – wenn genügend Kapital vorhanden ist! Und das ist sehr ungleich verteilt. Anonyme Konzerne sind an die Stelle der vormaligen adeligen Feudalherren getreten. Rechtliche Gleichheit heißt noch lange nicht faktische, alltagserlebbare Gleichheit. Nicht zuletzt Frauen können ein Lied davon singen, auch wenn „die Pille“ ihnen bislang kaum erlebbare Möglichkeiten schafft wie den Eintritt in die Megamaschine „Wirtschaft“. Mitmenschlichkeit bleibt im Alltag der ökonomischen Konkurrenz, der im Kern ungleichen Arbeitsvertrags-Verhältnisse und in selbstbezogenen Konsumgehäusen mangelhaft. Also, ihr Jungen, bewegt euch! Die Mitwelt(-bedrohung) bewege die Gesellschaft – auch eine alternde.

Michael Wilmes, Ralingen