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Von Katzen und Äpfeln, von Krieg und Flucht

Von Katzen und Äpfeln, von Krieg und Flucht

Wenn von Flüchtlingsströmen und der großen Zahl von Asylbewerbern die Rede ist, gerät leicht aus dem Blick, dass sich dahinter viele persönliche Schicksale verbergen. Gisela Lohmüller glaubt, dass viele "Menschen oft nur die große Masse der Flüchtlinge sehen, sich ängstigen und sich kaum vorstellen können, dass es hier um einzelne Menschen geht.

Es sind Mütter und Väter, kleine Mädchen und Jungen und viele junge Männer." Im Bürgerhaus Trier-Nord öffnet jeden Dienstag um 17 Uhr das Café Welcome. Dort ist unsere Leserin einigen dieser Menschen begegnet. Sie findet: "Das Café Welcome ist ein Segen!"Heute habe ich zuerst mit Adil (bedeutet "Gerechtigkeit"), einem etwa vierjährigen kleinen Jungen aus Syrien, Bilderbücher mit Tieren angeschaut. Er freute sich und rief bei jedem Tier, das er kannte, dessen Namen in Arabisch. Ich sagte ihm den Namen in Deutsch, den er dann sofort nachzusprechen versuchte. Das Wort "Katze" fand er besonders schön und sagte es immer wieder. Dann lernte er die Anzahl der Tiere auf den Bildern, zuerst mit den Fingern, dann in Deutsch, zu sagen. Bis 5 kamen wir, und er lernte dies im Nu! Wir hatten großen Spaß miteinander und mit den Bildern. Zum Schluss bekam er eine kleine "Katze", die wir im Cafe als Stofftier hatten, als Geschenk und war sehr glücklich. Kleiner, tapferer Kerl, entkommen aus der Hölle des syrischen Bürgerkrieges! Wir hatten einen ganzen Korb voller Kuscheltiere im Café. Jedes der Kinder, und es waren an diesem Tag wieder sehr viele, durfte sich eines aussuchen und mitnehmen. Auch eine Frau im Rollstuhl war heute dabei und eine sehr junge, schwangere Frau, die ihr erstes Baby erwartet.Ein Strahlen in den Augen

Nasrin (bedeutet "Heckenrose") und ihr Mann waren in froher Erwartung dieses Ereignisses! Aber wo wird sie ihr Kind bekommen können? Werden sie bis dahin wenigstens eine kleine Wohnung haben? Wird sich jemand um sie kümmern? Mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf. Und man kann so wenig für sie tun, fast gar nichts! Beide Frauen wollten auch gern eines der Stofftiere haben und suchten sich eines aus. Ein kleiner Junge fand einen wunderschönen, knallroten Teddy und nahm ihn liebevoll an sich. Strahlende Augen waren sein Dank! Ich sprach dann noch längere Zeit mit einer Gruppe junger Männer aus Syrien. Einen von ihnen kannte ich bereits. Es war Mussa (Moses) aus Quneitra. Wir begrüßten uns wie alte Bekannte und freuten uns. Ich hatte speziell für diesen Fall, dass er da sein würde, einen kleinen Taschen-Weltatlas mitgebracht. So konnten wir alles genau auf der Karte verfolgen; die Heimatorte, aus denen die Männer gekommen waren und auch ihre Fluchtrouten. Zwei kamen aus Idlib, einer Stadt südlich von Aleppo. Sie hatten den Bus über den Landweg bis nach Izmir/Türkei genommen und waren dann per Schiff zur griechischen Insel Samos und weiter über die Balkan-Route nach Deutschland gekommen. Der Dritte, Salim (bedeutet "Frieden), lebte in Shimshar, südlich von Homs und kam über Tripoli in die Türkei.Viel Geld für Schleuser

Sie mussten viel Geld für die Schleuser bezahlen, weshalb sie auch alle ohne Familien gekommen waren. Für die ganze Familie hätte ihr Geld nicht gereicht. Sie machen sich aber große Sorgen um die zurückgebliebenen Familien. Drei Wochen sind sie jetzt hier in Trier. Alle sind glücklich, in Deutschland zu sein und loben in den höchsten Tönen die Freundlichkeit der Menschen hier. Nun, ich habe ihnen gesagt, dass es in Deutschland leider auch sehr unfreundliche Menschen gibt. Wir waren uns aber einig, dass in jedem Land und in jedem Volk gute und schlechte Menschen leben. Mit Mussa und Salim konnte ich ganz gut in Englisch sprechen, habe aber darauf bestanden, dass diese für die jüngeren Syrer, die kein Englisch konnten, unser Gespräch in Arabisch übersetzten, damit auch sie wussten, worüber wir sprachen. Zwischendurch kam immer mal eine der freundlichen Helferinnen, brachte uns Kaffee und sogar einen Teller mit frisch geschnittenen Apfelstückchen. Sie griffen gern zu, und Mussa erzählte von den schönen Apfelplantagen, die es im Norden Syriens gab. Jetzt ist alles durch den Krieg zerstört. Ich kenne diese herrlichen Obstplantagen, die es auch im Norden Israels gibt. Er nannte das Drusendorf Majdal-Shams im Golan. Dies ist der nördlichste Zipfel Israels und grenzt direkt an Syrien. Ich bin immer mal dort gewesen und erinnere mich an diese Plantagen und an die Gastfreundschaft der Drusen. Besonders im Frühling verwandelt sich die ganze Landschaft des Golan in ein einziges Blütenmeer. Dank des gemäßigten Klimas gedeihen nur hier Äpfel, Birnen, Pflaumen und vieles mehr. Das Volk der Drusen lebt sowohl im Norden Syriens als auch im Norden Israels. Die Politik hat hier, wie bei den Kurden, willkürlich die Grenze mitten durch die Siedlungsgebiete der Menschen gezogen und damit eine schmerzhafte Trennung zwischen den einzelnen Familienclans bewirkt.Gewusel wie auf dem Basar

Im Cafe, um uns herum, herrschte die ganze Zeit ein einziges "Gewusel", fast wie auf einem orientalischen Basar. Die Stimmung unter den Besuchern und auch unter den Helferinnen und Helfern war freundlich und sogar fröhlich. Leider musste sich Mussa von mir verabschieden, denn er ist in der nächsten Woche für einen "Transfer" in den Westerwaldkreis vorgesehen. Schade, wir haben uns so gut unterhalten. Ich wünsche ihm einen guten Start dort und Menschen, die ihn als Menschen wahrnehmen. Die anderen Syrer wollen jedoch in der nächsten Woche wiederkommen. Ich denke, dass an diesem Nachmittag die meisten Menschen - die Flüchtlinge in ihre Lager-Situation und die Helferinnen und Helfer in ihr Zuhause - ein wenig glücklicher zurückgekehrt sind.