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Von Tragödien und Idealen

Geschichte

Zum Artikel „Aus der Vulkaneifel in die weite Welt“ (TV vom 5./6. Januar) schrieb uns dieser Leser:

Es ist sicher nicht leicht, ein so bewegtes Leben wie das von Maria Reese, geborene Meyer, auf einer halben Zeitungsseite halbwegs differenziert darzustellen. Das Verdienst, erstmals für die hiesige Region wesentliche Aspekte der Biografie von Reese in Erinnerung gerufen zu haben, kommt Hermann Hayer-Faas aus Lüxem zu, der dazu unter dem Titel „Irrwege in turbulenter Zeit“ im Kreisjahrbuch 2008 veröffentlicht hat. Ohne den Autor überhaupt zu erwähnen, verwendet die Autorin diese Informationen – ein eher unseriöses journalistisches Vorgehen.

Die Gründe von Reese zum Übertritt zur KPD, übrigens am elften Jahrestag der Revolution von 1919, dürften doch etwas konkreter benannt werden: Reese war die SPD nicht einfach „zu bürgerlich“ geworden, sondern sie erregte sich über den Bruch von SPD-Wahlkampfversprechen, und auch das Eintreten der SPD für den „Befreiungskampf der Frau“ war ihr zu unklar. Den großen Einfluss der Altkommunistin Clara Zetkin bei der Übertrittsentscheidung kann Hayer-Faas übrigens gut belegen. Pfarrer Johannes Schneider, der in allen Phasen des politischen und privaten Lebens zu Maria Resse gestanden hat, namentlich zu erwähnen, erscheint in einem regionalgeschichtlichen Beitrag durchaus angemessen. Dass Reese nach ihrem Austritt beziehungsweise Ausschluss aus der KPD Ende Oktober 1933 „gleichermaßen“ gegen den Kommunismus wie auch den „Nationalismus“ (soll wohl heißen: „Nationalsozialismus“) agitiert hat, gehört zu den von Reese selbst nach Kriegsende konstruierten biografischen Legenden.

 Tatsache ist, dass sie seit 1934 für die „Antikomintern“ des Goebbels-Ministeriums schrieb und eine große Nähe zu Dr. Taubert pflegte, dem Verfasser des Drehbuches zu dem Hetzfilm „Der ewige Jude“ und Leiter des antisemitischen Nibelungen-Verlaes, in dem auch Reeses Schriften erschienen. Taubert redete im „Entnazifzierungs-Verfahren“ Reeses Rolle im Propagandaministerium klein und hielt Kontakt zu seiner früheren Mitarbeiterin bis zu deren Tod 1958.

Noch im Sommer 1953 publizierte Reese, möglicherweise dazu angeregt von Taubert, in der offen rechtsextremen und revanchistischen Deutschen Soldatenzeitung vier größere Artikel „KPD ohne Maske. Ein Blick hinter die Kulissen der roten Intriganten“. Der Opportunistin war offenbar jedes Medium recht, um sich von ihrem antifaschistischen politischen Engagement vor 1933 zu distanzieren.

Vielleicht trifft das Urteil des Historikers Werner Abel, der durchaus Verständnis für die menschlichen Tragödien der Maria Reese aufbringt, am besten ihre politische Biografie: „Von den Idealen, die sie einst zur Arbeiterbewegung geführt hatten, war nichts mehr übriggeblieben. Ihr extremer Antikommunismus war in Hass umgeschlagen…, und so ließ sie es zu, dass sich diejenigen ihres Schicksals bemächtigten, die sich mit der Niederlage des NS-Regimes nicht abfinden wollten. Wenige Ex-Kommunisten sind so weit gegangen wie Maria Reese, die vielleicht nichts anderes war als eine exponierte Tochter des Jahrhunderts der Extreme.“